Siebenter Tag

15/Mrz/2011

Der GAU ist eingetreten. Heute Nacht explodierte das Atomkraftwerk Fukushima zum dritten mal, und diesmal betraf es den Reaktorkern. Die Brennstäbe werden nicht mehr gekühlt und die Hülle ist geborsten, in einem weiteren Reaktor ist Feuer ausgebrochen. Heute Früh betrug die nukleare Strahlung in der Umgebung des Kraftwerks das Achtfache des Grenzwertes. Der Wind drehte auf Nord und trug die radioaktive Wolke in Richtung Tokio. Dort ist die Strahlung inzwischen zweiundzwanzig mal höher als üblich. Die österreichische Botschaft wurde von Tokio nach Osaka verlegt.

Die Jubiläumsausgabe der „Presse am Sonntag“ von Vorgestern erinnerte mich daran, dass das verheerende Erdbeben von Lissabon am Allerheiligentag des Jahres 1755 stattfand. Dieses Beben der Stärke 9 zerstörte die gesamte Stadt, tötete dort an die 100.000 Menschen, war noch in Finnland zu spüren und löste einen Tsunami aus, der bis Lateinamerika reichte. Es war die größte Naturkatastrophe der Neuzeit. 1755 begann die siebente Stufe des Mayakalenders, die von Calleman so genannte „planetarische Unterwelt“. Seitdem war im Abendland nichts mehr wie zuvor.

Voltaire, Goethe und Kant befassten sich mit diesem Ereignis und die Aufklärung steuerte daraufhin ihrem Höhepunkt zu. Ein allmächtiger, gütiger Gott, der die Jahrhunderte zuvor beherrscht hatte, war nicht länger denkbar. Wie konnte ein allmächtiger, gütiger Gott es zulassen, dass ein solches Elend ein Land traf, das sich weltweit dem Katholizismus verschrieben hatte und ausgerechnet das Rotlichtviertel Lissabons von der Zerstörung ausgenommen wurde? Von da an beherrschte die Aufklärung, die gottlose Vernunft die Welt, die laut Callemans Analyse ganzheitlich im Schatten lag.

So wie zu Beginn der siebenten Welle, so steht auch diesmal, am Beginn der neunten Welle eine Naturkatastrophe, ein Erdbeben der Stufe 9 mit anschließendem Tsunami. Und so wie damals wird unsere herrschende Weltanschauung in ihren Grundfesten erschüttert. War es damals der allmächtige, gütige Gott, der abdanken musste, so ist es diesmal unser Fortschrittsglaube. Die machbare Welt des „anything goes“ ist nicht länger haltbar. Die jetzige Katastrophe betrifft nicht ein rückschrittliches Entwicklungsland wie Haiti, nein, es betrifft die hochtechnisierte Weltmacht Japan, die Wirtschaftssupermacht. Das ökonomisch drittgrößte Land der Welt ist am Boden zerstört.

Der Nikkei-Index der Tokioter Börse hat heute um 11 Prozent nachgegeben und somit seit Mitte Februar mehr als 21 Prozent verloren. Japan ist heute wirtschaftlich um ein Fünftel kleiner als noch vor einem Monat. Und die Krise ist seit heute nicht mehr auf Japan beschränkt. Alle Börsen der Welt sind heute im Minus, Frankfurt sogar mit mehr als 3 Prozent. In einer globalisierten Welt wie unserer ist eine solche Katastrophe nicht mehr auf ein Land beschränkbar.

So kann es nicht mehr weitergehen. Der allmächtige, gütige Fortschritt hat abgedankt. Deutschland nimmt sieben Atomkraftwerke vom Netz und stoppt die Laufzeitverlängerung für AKWs, die gerade eben noch beschlossen worden war. Selbst in Frankreich, das 80 Prozent seiner Energie aus Atomkraft gewinnt, beginnt die Diskussion über einen Ausstieg.

1755 Lissabon, 2011 Fukushima. Die Parallelen sind nicht zu übersehen. Der Beginn einer neuen ganzheitlichen Stufe des Mayakalenders markiert das Ende des bisher Gewesenen. Der herrschende Glaube dankt ab. Die Katastrophe ist zu groß, als dass „business as usual“ noch möglich wäre. Wir haben uns zu besinnen. Was sind unsere wahren Werte? Wie können wir sie erreichen? Und womit haben wir aufzuhören?

Voltaire, Goethe und Kant haben dem herrschenden Gott des Jahres 1755 den Todesstoß versetzt. 2011 wird folgen. Dieser Fortschritt ist nicht länger zu halten. Dieser herrschende Gott ist tot. Wir haben uns zu besinnen: Was, um Gottes Willen, wollen wir wirklich?

Gestern hat meine kommunistische Facebook-Freundin Edith einen Spruch gepostet:

Was wirklich zählt im Leben der Menschen?
Es sind die ganz einfachen Dinge –
Luft, Wasser, intakte Umwelt, Geborgenheit im Miteinander.
Fragen Sie die Japaner.
(Hermine Schubert)

That’s it. Mehr ist nicht zu sagen.

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