Die Anwesenheit Gottes

03/Mrz/2011

Gerade eben habe ich ein Video von Eckhart Tolle entdeckt, in dem er über die tiefste Stelle der Bibel spricht: „Sei still und wisse, ich bin Gott.“ Dies ist ein Zitat aus dem Alten Testament aus dem Buch der Psalmen. Es geht in dieser Stelle darum, in der Stille, der Abwesenheit von Form, das unendliche Allbewusstsein zu erahnen. „Sei still und wisse, ich bin Gott.“

Das „ich bin Gott“ bedeutet naturgemäß nicht, dass da ein Gott mir gegenübersteht. Es bedeutet ganz im Gegenteil, das ich in der Versunkenheit eins mit Gott werde, selbst zu Gott werde. Demenstsprechend kann der Psalm auch genauso gut „Sei still und wisse, du bist Gott.“ heissen. Er heisst aber „ich bin Gott“, denn genau darauf kommt es an: Auf das unendliche „Ich bin“ des allumfassenden Bewusstseins.

Der Fehler der Geschichte besteht in der Unterscheidung zwischen ich und du. Sobald wir eine Spaltung zwischen ich und du zulassen, fällt das Ganze auseinander. Vielleicht sollte der Psalm daher eher mit „Sei still und wisse, wir sind Gott.“ übersetzt werden. Wenn es uns gelingt, dieses Wir im Angesicht des Kosmos zu denken, dann haben wir göttliches Allbewusstsein erreicht.

Dieses ist im Alltag oft schwer möglich. Im Alltag sind wir oft gezwungen, Unterscheidungen zu treffen, da wir sonst nicht überleben könnten. Wir haben zwischen Ich und Du zu spalten, damit ein alltägliches Leben möglich wird. Doch ohne ein dahinterstehendes Wir ist dieser Prozess ganz einfach krank. Ich und Du sind nämlich nur Erscheinungen des gemeinsamen Wir.

In meiner Arbeit als Behindertenbetreuer habe ich das Glück, diesen Zustand des Allbewusstseins manchmal erleben zu können. „Sei still und wisse, wir sind Gott.“ Wenn wir alle da sitzen, jeder in sich versunken, völlig ungestört von äußeren Einflüssen. Dann sind wir in der Lage, gemeinsam Gott zu werden. „Sei still und wisse, wir sind Gott.“

Dieser Zustand muss nicht ausgesprochen werden, kann es meist sogar gar nicht. Es geht eben nicht um ein intellektuelles Wissen, sondern es geht viel mehr um ein spirituelles Wissen, um ein spirituelles Bewusstsein. Dieses Bewusstsein erlangen wir manchmal, wenn wir alle einfach nur da sitzen, völlig in uns versunken.

Und daher stört es mich massiv, wenn wir angehalten werden, mit unseren Klienten etwas zu „tun“. Indem wir mit unseren behinderten Klienten – oft gegen ihren Willen – etwas zu „tun“ versuchen, weil wir sie zu irgendetwas anhalten, um sie zu „fördern“, vergeht dieser Zustand des Allbewusstseins im selben Moment. Wir schaffen es oft nicht, diese Wucht der Unendlichkeit des Augenblicks zu ertragen und lenken uns in alltäglicher Geschäftigkeit immer wieder davon ab. Da wird dann gezeichnet und gerechnet, Ball gespielt, Geschirr eingeräumt und Wäsche gewaschen. Wenn diese Tätigkeiten einem inneren Wollen entspringen, dann sind sie in der Lage, Versunkenheit aufkommen zu lassen. Doch wenn sie nur dazu dienen, irgendwelche Normen zu erfüllen, die uns – und somit auch unseren behinderten Klienten – von außen aufgetragen werden, dann hat die alltägliche Spaltung wieder von uns Besitz ergriffen. Dann ergehen wir uns wieder in alltäglicher Geschäftigkeit und entfernen uns mit jedem Augenblick mehr von unseren wahren Möglichkeiten.

Unsere geistig behinderten Klienten haben ein ganz großes Potenzial. Dieses Potenzial ist naturgemäß keines, das intellektuelles Wissen fördert. Doch um dieses intellektuelle Wissen geht es gar nicht mehr. Es geht um etwas viel Größeres. Es geht um die Fähigkeit, in Stille Gott zu erfahren. Diese Möglichkeit haben unsere geistig behinderten Klienten viel mehr als wir Normalen. Unsere geistig behinderten Klienten haben die umfassende Fähigkeit, dieses göttliche Allbewusstsein anwesend werden zu lassen. Für uns bedeutet das nicht mehr, als es einfach geschehen zu lassen. Wir haben die Kraft aufzubringen, dass manchmal einfach nichts geschieht, dass wir nichts tun, sondern dass wir einfach nur sind; still sind und beginnen, Gott zu erahnen.

„Sei still und wisse, wir sind Gott.“ Als Behindertenbetreuer können wir das wissen. Wenn wir einfach still sind und eins werden. Eins werden mit unseren Klienten, eins werden mit uns selbst, eins werden mit Gott. Wir sind. Wir sind still. Wir sind Gott.

Sei still und wisse, wir sind Gott.

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Eine Antwort to “Die Anwesenheit Gottes”

  1. Susanne Says:

    Ja einfach eben still sein, denken ausschalten und in sich hören was aus der Stille kommt, oder eben auch nicht kommt. Einfach ganz bei sich zu sein, hier zu sein, im Herzen zu wissen alles ist Gott. Und ich bin ein kleiner Teil von Gott, aber ich bin nicht Gott. Mensch erkenne dich selbst.


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