Der Papst irrt

31/Dez/2010

Vor kurzer Zeit habe ich mir Peter Seewalds Interviewbuch mit Joseph Ratzinger gekauft, das unter dem Titel: Benedikt XVI. „Licht der Welt“ bei Herder erschienen ist. Ich war so neugierig auf dieses Gespräch, dass ich mir das Buch gleich am ersten Tag seines Erscheinens zugelegt habe. Jetzt ist einige Zeit vergangen, seit ich es zu Ende gelesen und immer wieder durchgeschmökert habe und ich komme immer mehr zu meiner Erkenntnis: Joseph Ratzinger kapiert es nicht. Dieser Papst irrt gewaltig.

Jetzt ist der Lebensweg des Ratzinger Seppl gut bekannt. Er kann aufgrund seiner Biographie wahrscheinlich nicht anders, als das zu vertreten, was er eben vertritt. Und das ist – und jetzt habe ich lange nach dem geeigeneten Adjektiv gesucht – unbrauchbar. Ich will es an einer entscheidenenden Sequenz des Buches analysieren, an der Auseinandersetzung um den sexuellen, körperlichen, geistigen und pädagogischen Missbrauch von römisch-katholischen Geistlichen an ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen – Buben und Mädchen. Im Kapitel „Ursachen und Chancen der Krise“ antwortet der Papst auf die komplexen Ursachen der Krise wie folgt:

„Das ist eine Frage, die wirklich das ‚mysterium iniquitatis‘, das Geheimnis des Bösen, berührt …“; und dann explizit:
„Vor allen Dingen aber wurde (in den 70er Jahren, Erg.) die These vertreten – und sie ist auch in die katholische Moraltheologie eingedrungen, dass es etwas in sich Schlechtes nicht gebe. Es gebe nur ‚relativ‘ Schlechtes. Was gut oder schlecht ist, hänge von den Folgen ab. In einem solchen Kontext, in dem alles relativ ist und das in sich Böse nicht existiert, sondern nur das relativ Gute und das relativ Böse, sind dann Menschen, die eine Neigung zu solchen Verhalten haben, bodenlos geworden. (…) Gut und Böse wurden vertauschbar, sie standen nicht mehr in aller Klarheit gegeneinander.“

Joseph Ratzinger, Du irrst. Genau dieses Denken, das der Papst hier vertritt, führt zu den verheerenden Folgen, die wir nun endlich offen vor uns sehen. Gut und Böse sind eine Fiktion. Es gibt kein Gut und kein Böse, es gibt nicht einmal gut oder schlecht. Genauso wenig, wie es schön und hässlich gibt. Es gibt nur Eines: Passend oder unpassend.

Ein fauler Apfel ist nicht schlecht. Er ist nur ungenießbar, vielleicht sogar giftig, wenn er gegessen wird. Auf den Kompost geworfen bringt er jedoch neues Leben hervor. Genauso die missbrauchenden Priester. Sie sind nicht böse (wahrscheinlich tun sie Anderen sogar nur das an, was ihnen selbst angetan wurde), sie sind nur ungenießbar. Auf den Kompost geworfen, bringen sie vielleicht sogar neues Leben hervor. Es wäre die Aufgabe des Papstes, diesen Kompost zu finden. Vielleicht gäben solch missbrauchende Priester großartige Buchhalter oder weitblickende Finanzberater ab, hochprofessionelle Bankbeamte – nur eben keine Seelsorger von Kindern.

Genauso dieser Papst. Der Seelsorger Joseph Ratzinger ist gescheitert. Er ist zweifelsohne ein grandioser Wissenschafter – Professor Doktor Papst. Als Pontifex Maximus ist er gescheitert. Mit diesem Weltbild ist die Kirche als Gesamtes zum Scheitern verurteilt.

Er selbst sieht es ja auch ein. Auf Seite 47 im Buch meint er: „Zurücktreten kann man in einer friedlichen Minute, oder wenn man einfach nicht mehr kann.“ Und auf die darauffolgende Frage: „Es ist also eine Situation vorstellbar, in der Sie einen Rücktritt des Papstes für angebracht halten?“ antwortet er: „Ja. Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt, dass er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch eine Pflicht, zurückzutreten.“

Der Zeitpunkt ist gekommen: Lieber Joseph Ratzinger, bitte treten Sie zurück!

Eine Antwort to “Der Papst irrt”


  1. In seiner Ausführung über Gut und Böse stimme ich dem Papst zu. Und sie, die Ausführung, stimmt auch mit buddhistischen Sicht überein.
    Im Zusammenhang mit realem Kindesmissbrauch erscheint mir das Philosophieren über absolute Zustände allerdings unangebracht. Es stimmt schon, es gibt kein absolutes oder aus sich selbst existentes „gut“, ebenso auch nicht das Schlechte per se.
    Das Diskutieren darüber aber geht aus meiner Sicht völlig an der Sache vorbei. Es gibt verletzte Kinder und es gibt ebensolche Täter, beide bräuchten Hilfe.


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