How would Kreisky do it?

10/Nov/2010

Der große Billy Wilder hatte in seinem Büro in Los Angeles hinter seinem Schreibtisch einen gerahmten Spruch an der Wand hängen: „How would Lubitsch do it?“ Bezeichnenderweise lautet der Spruch nicht: „Wie hätte Lubitsch es gemacht?„, sondern „Wie würde Lubitsch es tun?“ Der Unterschied beträgt Welten: Während der 2.Konjunktiv die Probleme der heutigen Zeit in Lubitschs Perspektive versetzt, versetzt der 1.Konjunktiv Lubitschs Perspektive in die Zeit der heutigen Probleme. Entscheidend ist daher nicht, wie Lubitsch es (damals) gemacht hätte, sondern wie Lubitsch es (heute) tun würde.

Es ist gerade fünf Uhr früh und ich bin aufgestanden. Davor habe ich geschlafen und geträumt. Ich habe von Bruno Kreisky geträumt. 1970, als Kreisky in Österreich an die Macht kam, bestritt ich gerade mein erstes Lebensjahr und angeblich habe ich bei der Nachricht seiner Regierungsübernahme herzlich gelacht. Man kann also getrost sagen, dass die Regierungsjahre Bruno Kreiskys mich entscheidend geprägt haben.

Kreiskys bekanntestes und berühmtestes Zitat ist folgendes (und ich zitiere es jetzt frei aus meinem Gedächtnis): „Wenn man mich fragt, dann sage ich das, was ich immer gesagt habe, nämlich, dass mir ein paar Milliarden Schulden mehr weniger schlaflose Nächte bereiten, als es ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr tun würden.“ Worum geht es in diesem Satz? Die (wirklich) dumme politische Öffentlichkeit dieses Landes meint bis zum heutigen Tag, es ginge in diesem Satz um Schulden. Insbesondere die christlich-konservative Reichshälfte stempelt Kreisky damit zum „Schuldenkanzler„. Es geht in diesem Satz aber um ganz etwas Anderes: Es geht NICHT um Schulden. Es geht um schlaflose Nächte.

Brunos Kreisky war als Kind der Zwischenkriegszeit entscheidend von der Massenarbeitslosigkeit geprägt. Diese Massenarbeitslosigkeit war in Mitteleuropa der restriktiven Politik im Zuge der Weltwirtschaftskrise geschuldet und führte direkt in den Faschismus. Bruno Kreisky kannte als Emigrant im Nationalsozialismus also genau, welche katastrophalen Ausmaße die Massenarbeitslosigkeit angenommen hatte. Davor hatte Bruno Kreisky Angst. Und aus dieser Angst heraus ist seine gesamte Politik zu verstehen.

Alle Politiker seiner Generation hatten weltweit Angst vor den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, den sie alle nicht nur erlebt, sondern alle überlebt hatten. Daraus sind alle Handlungen bis zu Kohl, Jelzin und Bush senior zu verstehen. Sie alle hatten wahnsinnige Angst vor dem Krieg und daher ist der Dritte Weltkrieg auch niemals ausgebrochen. Das war die Problematik ihrer Zeit und sie alle haben sie meines Erachtens nach bravourös gelöst.

Wovor haben unsere heutigen Politiker Angst? Sie alle sind so wie ich Kinder der friedlichen Nachkriegszeit. Ich wäre glücklich, könnte ich meinen, sie wären angstfrei. Ich glaube es nicht. Sie haben andere Ängste, kleinere. Und aufgrund dieser kleineren Ängste sind die Lösungsentwürfe auch kleiner geworden. Was bereitet Faymann, Pröll junior und Strache schlaflose Nächte? Ich weiss es nicht. Ich fürchte, die einzigen Ängste, die sie plagen, sind die vor dem eigenen Machtverlust. Angst vor der nächsten Meinungsumfrage, Angst vor der nächsten Wahl, Angst vor dem nächsten Skandal.

Faymann, Neffe Pröll und Strache haben keine Angst vor Faschismus und Krieg, wie sie Kreisky noch gehabt hatte. Dementsprechend sieht ihre Politik aus. Angst erzeugt Visionen. Faymann, Neffe Pröll und Strache haben wenig Angst und wenige Visionen. Dementsprechend klein ist ihre Politik. How would Kreisky do it? Was wäre heute Kreiskys Vision?

Ich glaube, Bruno Kreisky würde sich das Gesicht Michael Häupls aufsetzen und mit den Grünen koalieren. Und dafür wünsche ich ihm alles erdenkliche Glück und jeden erdenklichen Erfolg.

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