Ethik und Moral

04/Nov/2010

Ethik und Moral beantworten – spätestens seit den Zehn Geboten – die Frage „Was soll ich tun?“. Ich halte dieses Verständnis für irrelevant, deplaziert und gefährlich. Die Antwort „Ich soll…“ lässt sich nämlich ganz einfach auf den Satz „Du willst, dass ich…“ zurückführen, wie abstrakt auch immer dieses „Du“ gedacht wird. Letztendlich lässt sich dieses Du nur noch auf „Gott“ begründen: „Du (Gott) willst, dass ich nicht töte.“ Die Antwort auf die Frage nach Ethik und Moral lässt sich somit nur asymmetrisch von Außen – und damit letztendlich mit Gewalt – geben. Irrelevant, deplaziert und gefährlich.

Die Frage „Was soll ich tun?“ kann meines Erachtens nach idealerweise durch die Frage „Was will ich tun?“ ersetzt werden. Die Antwort auf diese Frage kommt immer von Innen: „Ich will, dass ich…“ Diese Antwort ist relevant, punktgenau und friedvoll, wenn wir es schaffen, unter der vordergründigen Schale in Schopenhauers Sinne zum Kern unseres Wollens vorzudringen: „Was will ich wirklich?“ „Will ich wirklich töten?“ „Was will ich wirklich, wenn ich vordergründig töten will?“ 

Die Antwort auf die Frage „Was will ich wirklich?“ scheint mir für alle Lebewesen immer die gleiche zu sein: „Ich will leben.“ Wenn wir nun „Leben“ mit Calleman als einen Organismus begreifen, „der mit seiner Umwelt in einem energetischen Ungleichgewicht“ besteht, dann verstehen wir, dass jedes Lebewesen danach trachtet, dieses Ungleichgewicht zu reduzieren. Wenn ich also beispielsweise vordergründig töten will, so will ich im Grunde nur mein Ungleichgewicht mit meiner Umwelt reduzieren.

Wenn wir daher Ethik und Moral als Antwort darauf finden, wie wir alle unser Ungleichgewicht mit unserer Umwelt am geeignetsten für uns alle symmetrisch und auf Augenhöhe reduzieren können, dann bin ich damit wieder sehr einverstanden.

P.S.: Die Antwort auf die Frage „Was will ich wirklich?“ kann natürlich nicht nur „Ich will leben.“, sondern nach Augustinus ganz genauso gut „Ich will sterben.“ heißen. („Niemals also lebt der Mensch wirklich, solange er sich in diesem mehr sterbenden als lebenden Leib befindet.“) Das beantwortet demnach auch die scheinbar neue Frage nach der scheinbar perversen Motivation sogenannter Selbstmordattentäter, die letztendlich ebenfalls in der Regel mit „Gott“ begründet ist. Auch diese wollen selbstverständlich nur einen energetischen Ausgleich mit ihrer Umwelt erzielen. Die Frage nach der ethisch-moralischen Eignung des Suizids hat übrigens Schopenhauer schon längstens beantwortet (und sinnigerweise den Koran im Vorbeigehen als „dieses schlechte Buch…“ bezeichnet).


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