Mein Nazi-Onkel G.

01/Sep/2009

Vor zwei Stunden habe ich meinen letzten Artikel online gestellt: Der Antisemitismus. Es ist vielleicht mein wichtigster Text bisher. Ich habe dazu in den letzten beiden Stunden über Facebook unglaublich schöne und wohltuende Reaktionen erhalten. Und die Zugriffszahlen auf den Blog bewegen sich hinauf wie ein erigierter Schwanz.

Wenn ich das nun ein wenig auf mich wirken lasse, dann empfinde ich große Dankbarkeit. Und mir kommt mein Nazi-Onkel G. in den Sinn. Dieser war Arzt und wohnte im selben Haus wie wir einen Stock über uns. Und ich sah ihn fast jeden Tag, ganz besonders an den Sonntagen, wenn wir gemeinsam zu Mittag aßen.

Mein Nazi-Onkel G. war 1937 oder 1938 geboren, ich glaube 1937, im März. Er war also bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges, der sich in dieser Nacht zum siebzigsten mal jährt, wahrscheinlich zweieinhalb Jahre alt. Sein Vater war Nazi und nach dem Krieg gemeinsam mit meinem Großvater in Glasenbach inhaftiert. Zur Entnazifizierung.

Ich mochte meinen Nazi-Onkel G. sehr gerne. Er war auch mein Taufpate, obwohl er evangelisch war. Gemeinsam mit meinem anderen Großvater war er mein Taufpate. Und mein Großvater war ganz sicher Antisemit.

Mein Nazi-Onkel G. war ein lustiger Mensch. Er lachte gerne und blödelte sich durch das Leben, so gut er eben konnte. Ich mochte ihn, weil er immer fröhlich war. Er war ein lieber Mensch. Und an einem Sonntag erzählte er zum Ende des gemeinsamen Mittagessens wieder einmal einen Witz:

Ein Jude und ein Deutscher fahren in einem Schlafwagenabteil. Der Jude liegt unten, der Deutsche liegt oben. Da fragt der Jude: „Deutscher, tauscht du mit mir das Bett?“ Der Deutsche ist verwundert, doch dann besinnt er sich: „Na gut. Wenn Du willst. Ich tausche mit dir.“ Und so tauschen sie die Betten.

Als der Jude oben liegt, fragt er den Deutschen: „Deutscher, gibst du mir bitte deine Decke?“ Nach kurzem Überlegen reicht der Deutsche ihm die Decke. „Und deinen Polster?“ „Gut. Da hast du meinen Polster.“

Kurz darauf stellt sich der Jude zum Waschbecken. „Deutscher, borgst du mir bitte dein Zahnbürschtl?“ Der Deutsche erschrickt: „Nein. Mein Zahnbürschtl kriegst du nicht.“

„Siehst, ich hab gwusst: Du bist ein Antisemit.“

Und als er diesen Witz erzählt hatte, da lachte er, mein Nazi-Onkel G. Aus wirklich vollstem Herzen. Wenn ich mich heute, dreissig Jahre danach, zurückerinnere und an die eben eingetroffenen Reaktionen auf meinen vorigen Eintrag denke, dann überkommt mich ein Gefühl der Dankbarkeit.

Danke, Onkel G.

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