Das bedingungslose Grundeinkommen

19/Aug/2009

Lieber Josef Bucher,

nachdem ich heute Ihr Sommergespräch mit Ingrid Thurnher und Michael Köhlmeier verfolgt habe, in dem Sie mir grundsätzlich sympathisch erschienen, möchte ich einen wesentlichen Gedanken Ihres Politikverständnisses hinterfragen. Zum Thema der gerade verhandelten Grundsicherung meinten Sie, dies wäre der falsche Weg. Und Sie begründeten Ihre Ablehnung einer Grundsicherung damit, dass wir dadurch gegenüber konkurrierenden Volkswirtschaften wie Indien oder China unseren Wettbewerbsvorteil verlören und stattdessen Menschen zur Leistung motivieren sollten, anstatt sie für das Tun von Nichts zu bezahlen.

Da ich selbst ein überzeugter Anhänger nicht nur der Grundsicherung, sondern noch viel mehr eines bedingungslosen Grundeinkommens bin, möchte ich Ihren Standpunkt hinterfragen. Sie sprechen wie die meisten Menschen wie selbstverständlich vom Begriff „Leistung“. Was aber ist Leistung?

Leistung wird definiert als „Arbeit pro Zeiteinheit“. Einfach gesagt heißt das: Wer schneller arbeitet, leistet mehr. Wenn wir Menschen, so wie Sie es wünschen, zur Leistung erziehen wollen, dann müssen wir sie zu schnellerer Arbeit anspornen. Was aber ist Arbeit?

Arbeit wird definiert als „Kraft mal Weg“. Einfach gesagt heißt das: Wer viel Kraft aufwendet und dies ein gutes Stück durchhält, der arbeitet viel. Was aber ist das Ziel dieser Kraftanstrengung? Wofür arbeiten wir?

Die Antworten darauf lassen sich in zwei Gruppen unterteilen:

1. Wir arbeiten für uns selbst.
2. Wir arbeiten für Andere.

Genau hier, bei der Beantwortung der Frage nach dem Ziel von Arbeit, teilt sich die Menschheit in zwei Hälften. Die Einen meinen, wir arbeiten, um unser Geld zu verdienen, die Anderen meinen, wir arbeiten, um für Andere etwas zu leisten. Und jetzt kommt der Clou: Beide Antworten sprechen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Denn:

1. Wenn wir für uns selbst arbeiten, welchen Sinn hätte diese Arbeit dann für irgendjemand anderen?
2. Wenn wir für Andere arbeiten, warum sollten wir dann davon profitieren?

Wenn wir davon ausgehen, dass Arbeit als Kraftanstrengung einen Sinn machen soll – sei es in Österreich, Indien oder China – dann muss diese Arbeit selbstbestimmt und frei stattfinden. Selbstbestimmt und frei ist der Mensch jedoch nur dann, wenn er wählen kann, ohne sein Überleben (oder das seiner Familie) zu gefährden. Der Mensch muss seine Arbeit frei wählen können. Kann er das nicht, dann geschieht Ausbeutung.

Um diese Freiheit zu garantieren, haben wir das Überlebenseinkommen jedes Menschen von seiner Arbeitsleistung zu trennen. Denn nur so leistet der Mensch seine Arbeit aus freien Stücken. Nur so ist er in der Lage, seine Arbeit selbstbestimmt und frei in möglichst sinnvoller Weise zu verrichten. Und dabei ist es dann wieder völlig egal, ob er die Arbeit für sein eigenes Wohlbefinden oder für das Wohlbefinden Anderer leistet.

Wir haben das lebenswerte Überleben jedes Menschen bedingungslos zu ermöglichen, indem wir Arbeit vom Grundeinkommen entkoppeln. Erst dann wird Arbeitsleistung sinnvoll, weil sie selbstbestimmt und freiwillig geschieht. Alles Andere ist ein Rennen im Treibsand.

Wenn Sie jedoch weiterhin gegenteiliger Ansicht sind und fürchten, leistungsmäßig hinter Indien und China zurückzufallen, dann empfehle ich Ihnen, möglichst Kinder- und Sklavenarbeit wieder einzuführen. Dann liegen wir bestimmt wieder vorne. Die Frage ist nur: Wobei?

Ich bin daher garantiert für die „soziale Hängematte“; für alle Menschen; auf der ganzen Welt.

Mit lieben Grüßen

Peter Wurm

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7 Antworten to “Das bedingungslose Grundeinkommen”

  1. Michael Says:

    Du schreibst das hier so, als ob irgendwelche Politiker die Arbeit erfunden hätten um gemeiner weise den Menschen nur dann Zugang zu den Annehmlichkeiten des Lebens gewähren, wenn sie auch schon brav arbeiten. Aber wir arbeiten ja nicht zum Spass, sondern weil das Zeug, das wir konsumieren auch hergestellt werden muss.

    • Peter Wurm Says:

      Hi Michael!

      Du bist also ein Vertreter der Antwortvariante 1.

      • Michael Says:

        Ich meinte das eigentlich so, dass das was wir konsumieren vorher produziert werden muss.

        Die Befürworter des bed. Grundeinkommens negieren, dass die Arbeit einfach getan werden muss. Sonst wird man irgendwann drauf kommen, dass man das Geld vom bedingungslosen Grundeinkommen nicht essen kann.

        Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Art Sockelbetrag fürs Nichtstun – leider ist es halt so, dass vom Nichtstun auch nichts produziert wird. In der Praxis würde das dann so ausschauen, dass es eine massive Inflation gäbe, die dafür sorgt, dass man vom bedingungslosen Grundeinkommen nicht mehr leben kann. Das Universum lässt sich eben nicht aus tricksen – auch nicht von linken Utopien.

  2. Peter Wurm Says:

    Lieber Michael!

    Du schreibst, dass das, was du konsumieren willst von anderen zuerst produziert werden muss. Genau das ist das Problem Deiner Weltanschauung: Jemand MUSS deinen Konsum produzieren. Genau das ist das Problem, das zur Ausbeutung führt. Ich bin dafür, dass das, was ich konsumiere von anderen zuerst produziert werden WILL. Nur so werden wir alle eine Welt von nachhaltigem freiwilligem, sinnvollem und andauerndem Wohlstand für alle erreichen. Und genau dafür braucht der Mensch eine notwendige Alternative namens Grundeinkommen, damit er dem von Dir vertetenen Zwang nicht ausgeliefert ist, ohne sein Überleben zu gefährden.

  3. Michael Says:

    Stell Dir einfach vor, jeder lebt nur vom Grundeinkommen. Dann gehst Du zum Bankomat und hebst Geld ab und willst Brot kaufen. Leider aber hat niemand Brot gemacht, weil eh alle ein Grundeinkommen haben.

    Jetzt sagst Du natürlich: ja Moment, irgendwer wird sich schon finden der morgens um 3 Aufsteht um meine Brötchen zu backen. Man muss ihm halt vermutlich mehr bezahlen als bisher, aber das ist ja das tolle am Grundeinkommen: es hilft auch gegen Niedrigstlöhne.

    Aber irgendwer wird den teureren Bäcker auch bezahlen müssen. Mit anderen Worten das Brot wird teurer. Das Selbe gilt natürlich für so ziemlich gar alles. Alles wird teurer werden – und zwar genau so viel teurer, dass man vom Grundeinkommen gar nicht mehr „richtig“ leben kann.

    Diesen bedingungsloses Grundeinkommen-Trick, der zu der perfekten Gesellschaft führt, in dem jeder nur noch das tut was ihm gerade in den Sinn kommt gibt es einfach nicht. Das funktioniert nicht.

    • Peter Wurm Says:

      Lieber Michael,

      es geht nicht darum, dass jeder nur vom Grundeinkommen lebt. Es geht darum, dass jeder das Grundeinkommen als Alternative hat, um sein Überleben zu sichern und dadurch in die Lage kommt, das zu tun und zu arbeiten, was er wirklich will. Und da wird es – um bei Deinem Beispiel zu bleiben – auch Nachtmenschen geben, die gerne in der Nacht arbeiten und große Befriedigung dabei empfinden, für andere sorgfältig hergestellte Backwaren zur Verfügung zu stellen. Und wenn diese Menschen das dann tun, dann werden sie definieren, was sie für Ihren Energieeinsatz zurückbekommen wollen; was eben diese Semmeln (und dadurch ihre Arbeitsleistungen) wert sind. Und du kannst dann weiterhin als Konsument entscheiden, ob dir diese Semmeln das wert sind. Das ist das einfachste Prinzip der sogenannten Marktwirtschaft, diese gemeinsame Festsetzung des Wertes als objektiviertes Geld. Dieser Markt funktioniert jedoch nur in einem Rahmen der Freiheit, und daher muss jeder Mensch frei sein können, zu sagen: „Nein, dieser Preis ist es mir nicht wert. Da mache ich lieber was anderes, was von anderen Menschen mehr wertgeschätzt wird als von diesem Michael, der nur an seinen eigenen Konsum denkt. Der soll sich seine Semmeln in der Nacht selber backen, wenn er sie in der Früh haben will.“ Und dann entscheidet er sich eben in Freiheit dafür, welche Wertschätzung er für seine Arbeit zurückerhalten will. Das Grundeinkommen ist nur eine Stütze für ihn, um ihm die Sicherheit zu geben, dass er so frei ist, das zu tun, was er wirklich arbeiten will und wobei er ausreichend wertgeschätzt wird. Und so sorgt das Grundeinkommen ganz automatisch für den gerechten Preis jenseits deiner Ausbeutungsversuche. Und deswegen funktioniert’s.


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