Abendland in Christenhand

26/Mai/2009

Ich halte den Slogan „Abendland in Christenhand“ für den mit Abstand beeindruckendsten des Wahlkampfs zum EU-Parlament in Österreich. Die Auseinandersetzung damit zeigt mit aller Deutlichkeit die völlige Überforderung seiner Gegner. Der Dreistigkeit und Plumpheit von Strache und Konsorten scheint im öffentlichen Leben niemand gewachsen zu sein, mit Ausnahme der überaus erfreulichen Stellungnahme Werner Faymanns letzte Woche.

Das Problem der Gegner der FPÖ sehe ich darin, dass sie in überwiegendem Ausmaß stets vernünftig und darüberhinaus moralisch argumentieren. Aus diesem Grund sind auch die faschistischen Tendenzen in unserem Land niemals bewältigt worden. Die Auseinandersetzung mit Faschismus und Nationalsozialismus beschränkt sich auf das schlichte Argument: „Du darfst nicht Nazi sein, weil Nazi ist böse.“

Das Problem dabei ist, dass jede – wirklich jede – größere politische Gruppierung in diesem Land sich mit dem Faschismus und Nationalsozialismus (davor, mittendrin und danach) arrangiert hat. Es ging auch nicht anders, weil der Faschismus Teil unserer Leitkultur war und wahrscheinlich immer noch ist. Das Phänomen des Faschismus besteht darin, dass er die Welt stets in ein gutes „Wir“ und ein böses „Ihr“ unterteilt. Der Faschismus braucht daher immer einen Außenfeind und wir werden den Faschismus in diesem Land so lange nicht überwinden können, so lange wir einen Außenfeind brauchen. Paradoxerweise gilt das auch insbesondere für den Antifaschismus. Der Antifaschismus ist naturgemäß faschistisch.

Das Problem Österreichs – und damit seine andauernde Anfälligkeit für faschistische Tendenzen – liegt darin, dass wir seit dem Wiener Kongress nur noch Niederlagen einstecken mussten. Dauernd geschlagen zu werden kränkt. Unsere Nation ist durch die fortdauernde zweihundertjährige Niederlage an ihrer Seele erkrankt. Wir sind kollektiv hochneurotisch, fühlen uns komplex minderwertig und neigen daher zum Größenwahn. Die österreichische Realität war in den letzten zwei Jahrhunderten einfach schwer zu ertragen. Der einzige gangbare Ausweg daraus scheint zu sein, sich individuell und kollektiv am liebsten als Opfer zu fühlen. Wer es in Östereich schafft, als Opfer anerkannt zu werden, der hat das Spiel gewonnen.

Daher dreht sich jede öffentliche Auseinandersetzung in diesem Land darum, ein „Wir“ zu definieren, das Opfer eines Außenfeindes wird. Karl Schranz war nie so populär wie nach seinem Ausschluss von den olympischen Spielen in Sapporo, Hermann Maier niemals so wie nach seinem Motorradunfall und das Kabinett Schüssel I nach dem Beschluss der Sanktionen der EU-14. Der Wahlsieg Kurt Waldheims und der Tod Jörg Haiders sind symptomatisch. Wir lieben Elisabeth Fritzl und sind hochgradig irritiert durch Natascha Kampuschs Bemühen, ihre Identität als Opfer abzustreifen. Der österreichische Gedenkblock im ehemaligen Lager Auschwitz definiert ohne zu Zögern in monströser Eindeutigkeit „Österreich als das erste Opfer des Nationalsozialismus.“

Ich bin Heinz Christian Strache dankbar dafür, dass er die faschistischen Tendenzen in unserem Land offensiv vertritt. Er ermöglicht uns damit, eindeutig Stellung zu beziehen. Und diese Auseinandersetzung wird erst dann entschieden sein, wenn wir wissen, wofür das „Wir“ steht, das wir gemeinsam definieren.

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