Liebe Sigrid Pilz,

05/Feb/2009

ich kenne Sie als offene, engagierte, fröhliche, warmherzige und kompetente Mandatarin der Grünen. Ich bin daher glücklich und dankbar, dass es Sie in prominenter Position bei den Grünen gibt. Deswegen reizt mich ihr heutiger Kommentar im Standard zu einem Widerspruch:

Es geht nicht um Johannes Voggenhuber. Es geht um die Frage, WOFÜR die Grünen stehen. Der erweiterte Bundesvorstand hat entschieden, WOGEGEN er steht: Gegen eine Kandidatur Johannes Voggenhubers auf der Kandidatenliste zum Europaparlament. Ihr Kommentar verteidigt diese Position, bleibt daher defensiv und ist somit zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Ihr heutiger Kommentar hat mich im privaten Gespräch zur Aussage bewogen: „Sie kapieren’s nicht.“ Die Spitze der Grünen scheint nicht zu verstehen, worum es in dieser Diskussion geht. Auch Sie scheinen nicht zu erkennen, worum es hier grundsätzlich geht.

Es geht nicht darum, dass „Voggenhuber und seine Unterstützer ihren Sympathisanten offenbar Klarstellungen schuldig geblieben sind.“ Es geht nicht um den „Versuch, sich – ohne von der Basis gewählt zu sein – mit einer Kampfkandidatur gegen gewählte Spitzenkandidatinnen und die neue Parteiführung in Stellung zu bringen und damit den kommenden Wahlkampf zu einer Konfliktpartie unter Grünen zu machen.“ Es geht auch nicht darum, dass „Voggenhuber sich öffentlich als Opfer einer Intrige darstellt und damit grüne Freunde quer durchs Land und durch die internen Parteiströmungen in Geiselhaft genommen hat.“ Und es geht nicht darum, dass „die populistische Umdeutung des Vorgefallenen in sein Gegenteil allerdings eine kommunikative Meisterleistung des EU-Parlamentariers ist.“

Sie stellen sich und damit den EBV in guter psychologischer Tradition dieses Landes als Opfer Johannes Voggenhubers dar. Das ist zu wenig. Es offenbart nur die auch bei den Grünen gepflegte Strategie des Aufbaus von Feindbildern, durch deren mutige Bekämpfung erst Gemeinsamkeit geschaffen wird. Der gemeinsame Feind ist immer ein ausgezeichnetes Identifikationspotenzial. Politik funktioniert seit Jahrtausenden mit diesem Instrument. Die Grünen stehen – leider – voll und ganz in dieser gesellschaftlichen Tradition. Jetzt hat das gemeinsame Feindbild die eigene Partei erreicht.

Ich halte diese Krise für eine einmalige Chance, genau diesen zerstörerischen Grundsatz bei uns endlich zu überwinden. Es wird nicht leicht, denn viele Grüne sind tief in der Tradition des gemeinsamen Feindes verhaftet. Doch gerade die rasante Entwicklung im Fall Voggenhuber hat deutlich gemacht, wohin die Identifikation durch den gemeinsamen Feind stets führt: Zu Konflikt, Krieg und letztendlich Vernichtung.

Nehmen wir diese Krise als Chance zu formulieren, WOFÜR wir Grüne stehen. Nehmen wir diese Krise als Chance, möglichst viele Menschen FÜR unsere Ideen zu begeistern. Notwendig dafür ist es, dass wir alle – von der Parteispitze bis zur Basis der Wählerschaft – formulieren, was wir gemeinsam wollen. Was wollen wir? Nicht: Was wollen wir nicht? Was wollen wir? Was wollen wir gemeinsam?

Ich bin skeptisch, ob ich solch einen Schritt der jetzigen Parteispitze zutraue. Doch ich lasse mich gerne überraschen. Barack Obama zeigt uns täglich vor, wie es geht. Es geht nur mit Vertrauen und Respekt. Dieses Vertrauen und diesen Respekt lässt die jetzige Parteispitze schmerzlich vermissen. Doch jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Und dieser Schritt geht nur gemeinsam. Es geht um die Integration aller Grünen und grünen Sympathisanten. Und wenn ich die Entwicklungen der letzten Zeit richtig verstanden habe, dann kann es als ersten Schritt nur eine Entscheidung geben: Johannes Voggenhuber kandidiert.

Liebe Grüße

Peter Wurm

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