Wo ist das Geld geblieben?

28/Nov/2008

„Wo ist das Geld geblieben?“ fragt DIE ZEIT diese Woche in ihrem Dossier. Ein wunderbarer Artikel, der nachvollzieht, wie das Geld im Zuge der Weltwirtschaftskrise nicht verbrannt, sondern nur verdampft ist. Es ist im Zuge der Subprime-Kreditvergaben einfach zu heiß geworden, der Siedepunkt der Spekulationen wurde erreicht. Und der Artikel endet mit einer wunderschönen Geschichte:

„So kommt es, dass es letztlich die Staaten der Welt sind, die nachträglich die neu gebauten Häuser in Amerika finanzieren. Und dazu die Provisionen der Immobilienmakler, die Boni der Investmentbanker, die Löhne der Bauarbeiter. Eine Frage aber ist noch offen: Woher nehmen die Regierungen, die Staaten das Geld, das sie jetzt brauchen?

Die Antwort passt gut zu dieser Krise, dazu, wie alles angefangen hat. Deutschland, die USA, Großbritannien – sie alle verhalten sich so wie die amerikanischen Hauskäufer: Sie nehmen einen Kredit auf. Sie machen Schulden. (…) Käufer (der Schuldscheine) sind zum Beispiel große Investmentfonds in Japan, den USA, Singapur oder Osteuropa. Und Gisela Schmidt, Rentnerin aus Niedersachsen.

Sie hatte 10.000 Euro anzulegen. Das war im Frühjahr, noch vor dem Crash. Ihr Geld hatte auf dem Sparbuch gelegen, jahrelang, bis ihr Bankberater sie überzeugte, dass das ein Fehler sei. Ein Sparbuch bringe doch kaum Zinsen. Der Berater wollte ihr neue Wertpapiere verkaufen, Zertifikate einer amerikanischen Bank, namens Lehman Brothers. Sicheres Geld, sagte er, „das sollten Sie unbedingt machen.“

Gisela Schmidt, 69 Jahre alt, verwitwet, ehemalige Sekretärin, sagte Nein. „Ich lasse mich doch auf keine dieser neumodischen Sachen ein, die ich nicht verstehe.“ Zwei Monate später ging Lehman Brothers pleite.

Gisela Schmidt aber kaufte etwas, das es schon seit Jahrzehnten gibt: einen Bundesschatzbrief. 10.000 Euro flossen auf das Konto der Bundesrepublik Deutschland bei der Bundesbank in Frankfurt. Gisela Schmidts Geld hilft mit, den deutschen Staat zu finanzieren. Und es hilft nun, die Banken zu retten. Auch wenn sie nichts davon ahnt.

Sie kaufte den Schatzbrief, weil sie das für eine sichere Sache hält. Und weil sie ihr Geld in sieben Jahren verzinst zurückbekommt. Am 23. September 2015 wird ihr die Bundesrepublik Deutschland 12.431 Euro überweisen. Sie verdient Geld mit den Schulden des Staates. „Das soll dann mein Enkel bekommen“, sagt sie, „mir reicht ja meine Rente.““

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„Das soll dann mein Enkel bekommen. Mir reicht ja meine Rente.“ Ein tröstliches Schlusswort zur Manie der Finanzmärkte, die nun gerade in die Depression kippt. Es sind diese Menschen wie Frau Gisela Schmidt aus Niedersachsen, die uns immer wieder retten. Es sind Menschen, die sich nicht vom kollektiven Rausch anstecken lassen, die in kritischen Situationen auch „Nein“ sagen können und die „down to earth“ bleiben. Diese Menschen haben Europa nach dem Weltkriegswahn gerettet und sie werden es nach dem globalen Finanzwahn des neokonservativen Neoliberalismus wieder tun.

Wie hat es vor Kurzem bei Schmidt und Pocher geheißen? Es gibt das grenzenlose Wachstum auch im menschlichen Körper: Es heißt Krebs. Wir sind nur dann davor gefeit, wenn wir – wie Frau Gisela Schmidt aus Niedersachsen – in aller Bescheidenheit die Grenzen dieser Welt zur Kenntnis nehmen können. Um das wieder einmal zu lernen, dafür ist diese Krise da.

2 Antworten to “Wo ist das Geld geblieben?”


  1. Liebe Oma,
    vielen Dank für den Schatzbrief – wow, das ist echt super klasse von Dir! Weisst du, nach dem Sie mir die Steuern abgezogen haben sind immer noch klasse 10.000 Euro übriggeblieben, und damit konnte ich mir jetzt endlich das langersehnte FAHRRAD kaufen – ist sich genau ausgegangen! Du weisst ja, ich verdiene dieses Jahr nichts, da ich meinen Militärdienst ableisten muss – und drum fahr ich nicht so gern mit Papa’s altem Moped, der Bioethanol ist ja so teuer. Aber wenn ich Glück hab, dann darf ich nächstes Jahr ins Ausland zur Terroristenbekämpfung, das wär super, da krieg ich dann nämlich ein schönes Taschengeld von den vereinigten sozialistischen Staaten von Europa.

    Also, vielen Dank nochmal.
    Dein Enkel (Niedersachsen im Oktober 2016)

  2. Andreas Frisch Says:

    Heinz Katschnick Quarterback.

    Thank You, America.


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