Die Nazi-Keule gegen Martin Graf

28/Okt/2008

Gerade eben ist Martin Graf mit 109 Stimmen zum Dritten Nationalratspräsidenten gewählt worden. Sein Gegenkandidat Alexander van der Bellen erhielt 27. Peter Pilz schrieb in seinem Blog gestern wörtlich: „Wenn morgen SPÖ und ÖVP die Wahl von Martin Graf möglich machen, dann ist eine letzte Grenze überschritten. Dann werden Zyklon B-Witze und das Lob der tüchtigen Wirtschaft des Dritten Reiches wieder salonfähig.“

Heute schreibt er live aus dem Parlament: „Das war die Wahl: 34 FPÖ-Abgeordnete, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauen; 21 BZÖ-Abgeordnete, die ihre Pflicht tun; und 57 Abgeordnete von ÖVP und SPÖ, die jedes Gewissen und jeden Charakter verloren haben. Die politische Bagage hat im neuen Nationalrat eine Verfassungsmehrheit.“

Ich halte das mit Verlaub für idiotisch. Anzumerken ist, dass ich nicht nur Mitglied bei den Grünen bin, sondern unter Anderem auch im Mauthausen Komitee Österreich, der Nachfolgeorganisation der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen, der ich mich seit unserem Dokumentarfilm über drei ehemalige KZ-Häftlinge politisch wie persönlich sehr verbunden fühle. Und gerade dieses Mauthausen Komitee Österreich hat in der letzten Zeit sehr dezidiert gegen Martin Graf als Dritten Präsidenten wegen seiner Mitgliedschaft in der rechtsextremen Burschenschaft „Olympia“ Stellung bezogen.

Das Mauthausen Komitee Österreich schreibt auf seiner Website: „Unser Verein ist überparteilich und überkonfessionell. Wir treten für eine freie und demokratische Gesellschaft und für die Wahrung der Menschenrechte aller ein, unabhängig von Staatsangehörigkeit, politischer Gesinnung und Religion, und wir arbeiten entschieden gegen alle Arten von Faschismus, Rassismus, Neonazimus, Chauvinismus und Antisemitismus.“ Das finde ich großartig und deswegen bin ich da dabei.

Den Kampf für eine freie und demokratische Gesellschaft können wir in Österreich aber nicht gewinnen, indem wir permanent die moralische Nazi-Keule schwingen. Völlig sinnlos. Wen überzeugt Peter Pilz, wenn er die Nationalratsabgeordneten, die Graf gewählt haben, als „Bagage“ beschimpft? Was bedeutet es, wenn er schreibt, dass nun „eine letzte Grenze überschritten“ ist?

Das ist mit Verlaub völlig vertrottelt. Selbstverständlich ist es sinnvoll, die Worte und Taten der Olympia zu veröffentlichen, wie es Karl Öllinger diese Woche auf der grünen Website gemacht hat (Link). Es ist wunderbar, wenn sich jeder Mensch ein Bild machen kann, wes Geistes Kinder diese Burschen sind. Völlig sinnlos und kontraproduktiv dagegen ist es, dem Beobachter das moralische Urteil darüber gleich mit aufzudrängen. Völlig idiotisch, schwachsinnig, kontraproduktiv und vertrottelt.

Wir leben in einem freien und aufgeklärten Land – obwohl die Aufklärung hier anscheinend noch nicht wirklich angekommen ist, weder links noch rechts, weder bei den „Bösen“ noch bei den „Gut(mensch)en“. Dieses Land steckt intellektuell und ideologisch noch mitten in der Pubertät. In diesem freien und teilaufgeklärten pubertären Land muss ich aber darauf vertrauen können, dass sich jeder selbst ein Bild von der Lage macht, ohne ihn permanent moralisch zu bevormunden. Das hingegen machen wir Grüne andauernd. Dauernd drücken wir jedem Anderen – ob er will oder nicht – unsere moralische Entrüstung aufs Aug. Und wer nicht völlig mit unserer moralischen Entrüstung übereinstimmt, der darf sich gleich ins böse Winkerl dazustellen. So vertreiben wir jeden Wähler.

Die depperte Nazi-Keule funktioniert in diesem Land deswegen nicht, weil in diesem Land kein einziger Nazi lebt  – abgesehen von ein paar Vollidioten, die sich freudig dazu bekennen, aber die sind wurscht. Nicht wurscht ist die große Bevölkerungsmehrheit, die große Ressentiments in sich trägt und damit fast blind gegen totalitäre und intolerante Tendenzen ist, egal aus welcher Richtung. Kein Mensch in diesem Land ist ein Nazi. Aber wir alle sind ressentimentbehaftet. Daher trifft die Nazi-Keule auch niemanden, sondern schlägt permanent ins Leere. Und noch schlimmer, sie dreht sich wie ein Boomerang mangels Ziel gleich wieder zurück.

Nicht Martin Graf macht die Nazis salonfähig. Das besorgt – so leid es mir tut – Peter Pilz. Bei solchem Scheissdreck, den manche Grüne diesbezüglich von sich geben, wird Widerstand zur verständlichen Pflicht. Jeder einzelne Burschenschafter ist durch Peter Pilz‘ dumme Polemik heute stärker geworden.

Die Nazis haben Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle und andere vernichtet, nicht für das, was sie TATEN, sondern für das, was sie WAREN. Manch vertrottelter Antifaschist versucht das gleiche mit seinen Gegnern. Was uns intelligente Demokraten nicht daran hindern soll, alle (inklusive uns selbst) zu kritisieren, für das, was wir TUN.

4 Antworten to “Die Nazi-Keule gegen Martin Graf”


  1. Dem Artikel kann ich grundsätzlich zustimmen, sehr intelligent geschrieben, Kompliment, vielleicht ist übertrieben, dass der Peter Pilz Nazis (welche?) salonfähig macht, jedenfalls ist viel moralisierender Mist dabei, der -wie ich glaube- auch andere Leute als mich eher nervt als dass es sie aufregt. Stehe selber inhaltlich eher der FPÖ nahe, hoffe aber das das keinen zu großen Einfluss auf meine Bewertung hatte. Auch andere Artikel, die ich gerade quergelesen habe, gefallen mir gut, Sie machen nicht den Fehler, den Leuten ihr Denken vorzuschreiben.
    Viel Freude mit Ihren Kindern und eine harte Haut bei Ihrer Partei.

  2. Harald Lang Says:

    Sg. Herr Wurm,
    Adolf Hitler hat die ersten geistigen Impulse für sein späteres, krudes Weltbild im deutschnationalen Milieu erhalten (Quelle: Brigitte Hamann, Hitlers Wien, Lehrjahre eines Diktators, ISBN 3-492-22653-1).
    So gesehen ist es m. E. nicht ganz unbegründet, einen Zusammenhang zwischen Herrn Graf und nationalsozialistischem Gedankengut herzustellen. Die österreichischen Printmedien, z. B. der Kurier, haben darüber ja ausführlich berichtet. Aber die eigentlich Frage ist die: Wird jemand durch kritische Betrachtung wirklich „salonfähig“? Aufklärung kann ja auch vorbeugend wirken, oder finden Sie nicht? Demnach würden ja sämtliche Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen Nationalsozialismus beschäftigen, diesen gerade dadurch im Nachhineien
    „salonfähig“ machen. Das kann ich einfach nicht glauben!
    Mit freundlichen Grüßen,
    Harald Lang

    • Peter Wurm Says:

      Lieber Herr Lang,

      die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Vorfeldideologien halte ich selbstverständlich für zielführend. Weniger zielführend und kontraproduktiv halte ich jedoch dumme Beschimpfung und moralische Empörung. Dumme Beschimpfung stärkt berechtigterweise immer nur den Gegner, moralische Empörung dient einzig der Selbstbefriedigung. Das will ich mit meiner Kritik an der „Nazi-Keule“ ausdrücken.

  3. Harald Lang Says:

    Sg. Herr Wurm,

    dumme Beschimpfungen lösen m. E. sehr oft nur einen Märtyer-Effekt aus. Eine Märtyrerrolle würde ich dem Herrn Martin Graf natürlich nicht gönnen. Aber wer Mitarbeiter beschäftigt, die T-Shirts von der Art bestellt hatten, wie sie von „ihrem“ Alexander van der Bellen präsentiert wurden, bringt sich m. E. doch selbst ein bisschen in Nazi-Nähe.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Harald Lang


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