Der Austrofaschist

18/Okt/2008

Die großartigste Analyse zum Ableben Jörg Haiders habe ich gerade eben in der Online-Augabe der „Presse“ gefunden. Es ist ein Gastkommentar des Schriftstellers Robert Menasse mit dem Titel: „Haider, der unerkannte Austrofaschist„. Jeder einzelne Satz dieses Essays ist ein wahrhafter Genuss. Abgesehen von der völlig berechtigten und treffenden Kritik an Jörg Haider scheint mir die Kritik an Haiders Gegnern ganz besonders wichtig zu sein: „Haider bekam Zulauf, weil er kritisierte, was viele kritisierten, seine Gegner verloren Zustimmung, weil sie zum Teil wider besseres Wissen eben dies verteidigten. Hätte Haider gesagt, dass zwei Mal zwei vier ist, die Antifaschisten hätten eine neue Mathematik begründet. Hätte er den Kampf gegen den Klimawandel zur Koalitionsbedingung erklärt, die Grünen hätten Braunkohlekraftwerke gefordert.“

Als ich 1994 unseren KZ-Dokumentarfilm „Herbstspaziergang“ drehte, war der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg Jörg Haiders in vollem Gang. Wir besprachen mit den drei ehemaligen Mauthausen-Häftlingen Leopold Kuhn, Hermann Lein und Hans Marsalek im Film und auch hinter den Kulissen intensiv auch die damalige politische Situation. Und anders als die drei österreichischen Widerstandskämpfer sah ich im rasant aufstrebenden Jörg Haider weniger einen politischen Nachfahren der Nationalsozialisten, sondern einen Austrofaschisten. Ein Rezept gegen seinen Siegeszug hatten wir alle miteinander nicht.

Das Phänomenale an Jörg Haider war, dass er sich allen Klischees entzog. Er war nicht fassbar, wahrlich unfassbar. Meinen ersten Kontakt mit ihm hatte ich Anfang 1994, als ich gemeinsam mit meinem Freund Christoph Speich im Wiener Schauspielhaus die Benefiz-Aktion „Engel in Österreich“ zugunsten der Aids-Hilfen startete. Wir baten unter dem Ehrenschutz des damals gerade briefgebombten Helmut Zilk Österreichs Prominente, als Zeichen der Solidarität mit den Aids-Kranken einen Engel zu zeichnen, der zunächst ausgestellt und danach versteigert werden sollte. Der erste Politiker, der antwortete, war Jörg Haider.

Haiders Engel sorgte für unglaubliche Emotionen. Viele seiner Gegner waren empört und ich erinnere mich an dutzende Gespräche und einige Briefe, in denen ich Haiders Auftritt vehement verteidigte. Schon damals wurde mir mehr und mehr klar, dass das Problem nicht Jörg Haider war, sondern das System, das ihn hervorbrachte. Unser System.

Wir Österreicher sind Meister des undifferenzierten Urteils. Wir sind – privat wie politisch – Gefangene des Freund-Feind-Schemas. Unsere Loyalitäten machen uns beinahe blind. Und so stehen wir Phänomenen, die sich den eindeutigen Schubladen entziehen, völlig paralysiert gegenüber. Und wir sind dankbar dafür, wenn uns eben diese eindeutigen Schubladen angeboten werden, die uns den notwendigen Halt geben.

Jörg Haider konnte beides. Er selbst war keiner eindeutigen Schublade zuzuordnen, was ihn selbst jeder herkömmlichen Schubladenkritik entzog, und er bot eindeutige Schubladen an, die den Schubladenösterreichern wieder Halt gaben. Es waren immer „die…“: Die Ausländer, die Bonzen, die Politiker, die Kriminellen, die Sozialschmarozer, die Asylwerber, die Altparteien, … Es waren immer die Anderen.

Dem gegenüber stand immer ein „wir“: Wir Anständigen, wir Österreicher, wir Tüchtige, wir Fleissige. Ausgesprochen wurde dieses „wir“ von Jörg Haider jedoch nie. Er selbst war immer Kämpfer für dieses „wir“. Für die Anständigen, für die Österreicher, für die Tüchtigen, für die Fleissigen. Die Assoziierung Jörg Haiders mit dem „wir“ überliess er intelligenterweise dem Unbewussten. Und so wurde aus Jörg Haider flugs „einer für uns“.

Jörg Haider verkörperte das Österreichische wie kein Anderer seit Adolf Hitler. Weit mehr als Leopold Figl, Bruno Kreisky, Karl Schranz, Franz Klammer, Hermann Maier, Herbert Prohaska, Hans Krankl oder Arnold Schwarzenegger. Ich muss es neidlos anerkennen, obwohl „meine“ Österreicher Carlos Kleiber, Nikolaus Harnoncourt, Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Peter Handke, Michael Haneke, Karlheinz Böhm, Ümit Korkmaz, Willi Resetarits oder Josef Hader heissen.

Wer die „österreichische Seele“ (Erwin Ringel) verstehen will, der wird Jörg Haider verstehen müssen. Sein Leben und gerade auch seinen Tod. Nun ist er endlich und endgültig Opfer geworden. Opfer seiner selbst. Endlich und endgültig.

Einer von uns.

Danke Jörg.

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