Tod eines Grenzgängers

11/Okt/2008

Die Nachricht vom Tod Jörg Haiders hat mich heute früh sehr erschüttert. Dieser Mensch ist seit mehr als zwanzig Jahren ein wichtiger Teil meines politisch interessierten Lebens gewesen. Und wie ich es den Meldungen des heutigen Tages entnehme, auch Teil des Lebens vieler Anderer. Welcher Österreicher schafft es zu den Spitzenmeldungen nahezu aller europäischer online-Magazine und auf die Hauptseiten weltweit? Einzig ein Hubschrauberabsturz Arnold Schwarzeneggers könnte dieses mediale Echo noch toppen, doch der ist ja bekanntlich schon lange kein Österreicher mehr.

So sehr mir seine politischen Inhalte missfielen, so sehr hielt ich Jörg Haider formal für den besten österreichischen Politiker seit Bruno Kreisky. In diesem Land war ihm fast keiner gewachsen, nicht Norbert Steger, nicht Franz Vranitzky, nicht Viktor Klima, leider nicht Alexander van der Bellen (dafür war sein Hintergrund zu schwach) und auch nicht Heinz Christian Strache. Einzig Wolfgang Schüssel halte ich zugute, das Phänomen Jörg Haider umfassend begriffen und die notwendigen Konsequenzen daraus gezogen zu haben.

Ich war ein deklarierter Gegner von Schwarz-Blau, doch die Alternative wäre noch schlimmer gewesen. Die FPÖ in Opposition wäre nach 2000 garantiert und erwiesenermaßen die stärkste Partei dieses Landes geworden und Jörg Haider damit mit hoher Wahrscheinlichkeit der nächste Kanzler. Wolfgang Schüssel hat das verhindert und mit Schwarz-Blau (nicht Blau-Schwarz!) das damals einzig Richtige gemacht: Er hat Jörg Haider mit sich selbst konfrontiert. Und er hat gewonnen. Den höchsten Wahlsieg der zweiten Republik, nebenbei die vorläufige Zertrümmerung der FPÖ. Denn wenn es noch einen gegeben hat, der Jörg Haider nicht gewachsen war, dann war es Jörg Haider.

Mich hat die Person Jörg Haider von Anfang an fasziniert. Ein einziges mal bin ich ihm begegnet. Beim Blockwartetreffen im Rathaus… Nein. Am Ausgang der Rieder Jahnturnhalle im Februar 2002, nachdem ich ihn zuvor im Bierdunst auf der Bühne seiner traditionellen Aschermittwochrede aufgesucht hatte und von seinen beiden Leibwächtern tumultartig durch den Saal in den Keller gezerrt worden war. Am Tag zuvor hatte er in Bagdad Saddam Hussein die Hand geschüttelt. Ich bin stolz darauf, dass Jörg Haider seit damals keine Aschermittwochrede mehr in Ried gehalten hat. Ich habe mit meinen lächerlichen Möglichkeiten mit dazu beigetragen, den Mythos Jörg Haiders zu entzaubern.

Seit Kurzem hält HC Strache seine Aschermittwochrede in Ried. Der ist mir völlig wurscht. Das ist ein Dolm – wenn auch kurzfristig erfolgreich. Jörg Haider war kein Dolm. Jörg Haider war ein hochintelligenter, hochsensibler Grenzgänger. Das ist der mir mit Abstand sympathischte Menschentyp, obwohl ich Grenzgänge mit fortschreitendem Alter immer anstrengender finde. Jörg Haider war eine menschliche Ausnahmeerscheinung auf höchstem energetischen Niveau. Dieses Phänomen teilt er neben erfolgreichen Künstlern mit den meisten Diktatoren. Ich rechne ihm hoch an, dass er sensibel genug war, keiner zu werden.

Ich habe seit damals an einen gewaltsamen Tod Jörg Haiders gedacht, im Grunde an Selbstmord. Ich habe auf einen Bergunfall getippt. Nun ist es ein Autounfall geworden, Bodensatz für einen geschichtlichen Mythos: Fremdarbeiter rast mitten in der Nacht mit geliehenem Auto im Rausch durch kleine Ortschaft und überholt bei absolutem Überholverbot mit weit überhöhter Geschwindigkeit. Ein Toter.

Danke Jörg.

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