Die Finanzkrise

18/Sep/2008

Da gibts ein paar Themen, die mich zur Zeit politisch bewegen. Ganz aktuell Alexander van der Bellens Seufzer in der gerade zu Ende gegangenen ORF-Konfrontation gegen Wilhelm Molterer: „Jetzt verstehe ich, warum es so schwer ist, mit Ihnen zu regieren.“ Ich halte diesen Ausspruch für den bisher witzigsten der Konfrontationen, möglicherweise auch für den wahrhaftigsten. Van der Bellen ist halt schon sehr alt geworden, ein bisschen müde und träge, bleibt aber dennoch ein Lichtblick unter allen Spitzenkandidaten – und schafft es nebenher, den Grünen ein sympathisches, authentisches und vertrauensvolles Gesicht zu geben.

Daneben interessiert mich die Einschätzung mancher Menschen meiner Umgebung, aus Protest gegen die Grünen diesmal das Liberale Forum wählen zu wollen. Auch ich habe ja, wie gesagt, viel Sympathie für die Liberalen, bin aber dennoch vergleichsweise ziemlich glücklich über die Grünen. Erstens sind wir eine Partei mit substanzieller Basis, zweitens sind wir unabhängig finanziert, drittens haben wir einen bewährten Spitzenkandidaten und viertens haben wir in den letzten zehn Jahren auch Politik gemacht. Wer ist Alexander Zach, die Nummer 2 auf der liberalen Liste und Parteichef? Was hat er in den letzten Jahren im Parlament gemacht, außer von Hans Peter Haselsteiner 15,000.000,00 Euro (in Worten: fünfzehn Millionen Euro) für Lobbying in Ungarn  im Auftrag der STRABAG zu kassieren? Und das IOGE (das Institut für eine offene Gesellschaft), das von Haselsteiner am Leben erhalten wird? Was hat Heide Schmidt mit diesem aufgelegten Elfmeter erreicht? Alle paar Monate eine Diskussion mit immer wieder denselben Leuten und paar dutzend (immer wieder denselben) Zuhörern. Und sonst? Sagenhaft, was hier alles nicht hinterfragt wird.

And now to something completely different. Die Finanzkrise. Ist es eine Kapitalmarktkrise? Ich habe keine Ahnung, ich müsste meinen Freund Stefan fragen, der in der OeNB arbeitet. Auf jeden Fall ist beispielsweise der ATX in den letzten beiden Tagen anscheinend um jeweils mehr als 4 Prozent gesunken. Die Details sind auch wurscht, auf jeden Fall wurde in den letzten Tagen – von den USA ausgehend – weltweit unglaublich viel Geld vernichtet. Man müsste sich das mal ausrechnen, wenn man alle börsennotierten Aktienwerte auf der ganzen Welt zusammenrechnet und den Verlust dieser Woche bestimmt. Wie viel ist das? Milliarden? Billiarden? Phantastilliarden?

Eines ist mir in diesem Zusammenhang wichtig. Der von mir hoch geschätzte Christoph Chorherr hat damals in einem seiner Umweltökonomieseminare an der WU einen Satz gesagt, der mir immer noch im Gedächtnis haftet: „Der Kapitalismus muss wachsen. Das liegt in seiner Natur.“ Sehr, sehr schön. Wie die Natur an sich: Pflanzen und Tiere, alles wächst. Und dann kommt ein noch schönerer Zusatz hinzu: „Es kommt nur darauf an, was man misst.“ Sind die Kosten eines Autounfalls wirklich Teil des wachsenden Bruttosozialprodukts?

Wir haben uns so sehr an den scheinbar objektiven Wert des Geldes gewöhnt, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, wie er zustandekommt. Wir wollen nur – ganz im Sinne der Natur des Kapitalismus – immer mehr haben. Immer mehr. Immer immer mehr.

Es gibt meiner Ansicht nach genau ein Krebsgeschwür des Kapitalismus: die Gier. Immer immer mehr. Und ich danke dem Universum, dass es uns immer wieder zeigt, dass das nicht geht. Die Buddhisten wissen es – im Unterschied zu den Christen – schon seit fast dreitausend Jahren. Es gibt Werden und Vergehen. Alles wird und vergeht. Und ich danke dem Christengott, dass er es auch den Seinen immer wieder zeigt. Er hat es ja vor zweitausend Jahren bereits aufschreiben lassen, als Teil der Bergpredigt des Jesus: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“

Und danach folgt die für mich schönste Stelle der gesamten Bibel:

„Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“

Und damit wäre schon wieder mal alles gesagt…

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2 Antworten to “Die Finanzkrise”

  1. otti Says:

    Das Ausmaß der damaligen Finanzkrisen in Amerika (1929) und Japan (1989) wird von der heutigen weit übertroffen. Alle drei haben ihre Ursache in einer unverantwortlichen Ausweitung von Krediten. Billiges Geld signalisierte kein Risiko.
    Der niederländischen Tulpenzwiebel-Hausse oder besser -Manie entspricht heute der von Krediten abgeleitete Derivate-Manie, welche – finanzmathematisch – Subprime- Kredite zu AAA-Papieren aufhübschen sollte. Dieses Unterfangen ist an der Tatsache gescheitert, dass der Preis des ursprünglichen Underlying, nämlich Immobilien, nicht ewig gestiegen ist.
    Die Gefährlichkeit der jetzigen Situation besteht darin, dass selbst die Akteure nicht wissen, wie der Giftmüll (toxic waste) bewertet werden kann, der in den Büchern ist. Aus diesem Grund trauen sich die Banken nicht mehr gegenseitig über den Weg, was zu einer Liquiditätsklemme geführt hat, die ihre Fortsetzung in einer – für die reale Wirtschaft – substantiellen Kreditklemme finden wird.
    Im Übrigen werden bis an den Hals verschuldete Verbraucher oder Unternehmen von vom Staat, ergo Steuerzahler, entschuldeten Banken sowieso keine Kredite bekommen, was den wirtschaftlichen Sinn eines Bailouts einer maßlosen Finanzelite zusätzlich infrage stellt.

    Wer, wie die Verantwortlichen, Schulden macht, der soll sparen. Auf Chemnitzer Hartz-VI-Niveau.

    Solche Leute sollten von dem leben, was sie ihren Opfern zumuten.

    Der Kapitalismus in seiner Gier, der verreckt jetzt hier.

    Genug mit dem neoliberalen Terror!

  2. Rieger Says:

    Es ist KEINE Kapitalmarktkrise – das wäre doch viel zu billig als Analyse. Es ist eine Krise der GeldPOLITIK. Das Problem ist nicht die Gier der Banker bzw. die Zockerei der Finanzbranche, sondern die unersättliche Gier von Regierungen/Nationalstaaten – und damit einhergehend ein Geldregime, das diese Krisen geradezu erzwingt!

    Das „mehr“ ist systemimmanent, und Blasen und Krisen sind fast staatlich verordnet, könnte man sagen. Und die „Behandlung“ der Krise legt unmittelbar den Grundstein für die nächste, grössere. Am allerwenigsten würde ich mich auf die Meinung eines Nationalbankökonomen verlassen …

    Schau dir mal diesen hervorragenden, sehr amerikanisch auf den Punkt gebrachten Crash-Course an, insbesondere die Kapitel über Geld/Geldpolitik und Inflation. Sensationell! 🙂

    http://www.chrismartenson.com

    Und zur Vertiefung etwas „österreichische Schule“: http:www.mises.org

    Viel Spass 😉


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