China und Olympia

07/Aug/2008

Morgen beginnen die olympischen Sommerspiele in Peking. Da stellt sich nun seit längster Zeit die Frage, wie man mit einem Regime umgeht, das die Menschenrechte missachtet. China bringt weltweit die meisten Menschen durch Todesstrafe um, laut Amnesty International offiziell genau 470 Menschen im Vorjahr, bei insgesamt 1252 Hinrichtungen weltweit. Inoffizielle Schätzungen von AI gehen von mehr als 6000 Hinrichtungen in China 2007 aus. Daneben wurde laut AI eine wachsende Zahl von Menschenrechtsaktivisten in Haft genommen oder unter Hausarrest gestellt und durch die Polizei schikaniert, ethnische Minderheiten unterdrückt und Menschen aufgrund ihrer Religion gefoltert und misshandelt. Darüberhinaus werden Medien und das Internet systematisch der Zensur unterworfen.

Als die olympischen Spiele in Berlin eröffnet wurden, waren die Nürnberger Rassegesetze bereits seit einem Jahr in Kraft. Die französische Delegation zog mit Deutschem Gruß gegenüber Adolf Hitler ins Stadion ein. Drei Jahre später standen sie sich im Zweiten Weltkrieg als Feinde gegenüber.

Der von mir hochgeschätzte deutsche Altkanzler Helmut Schmidt lässt solche Parallelen nicht gelten und pocht gegenüber China stets auf Appeasement. Es wäre seiner Ansicht nach aufgrund von geschichtlichen, geographischen und wirtschaftlichen Hintergründen lächerlich, der Volksrepublik Vorschriften machen zu wollen, welche Politik sie zu betreiben hätte. Auch in der Tibet-Frage zeigt er größtes Verständnis für die chinesische Position. Schließlich hätte die Okkupation durch China einen rückständigen Gottesstaat überwunden.

So sehr ich seine Haltung verstehe, so wenig teile ich sie. Der mir sympathischte und vielversprechendste Umgang mit Diktaturen ist die Stärkung der jeweiligen Opposition. So wie es früher zweckmäßig war, Lech Walesa, Vaclav Havel, Alexander Solschenizyn oder Nelson Mandela zu unterstützen, so können wir uns heute mit dem Dalai Lama, Aung San Su Kyi, Shirin Ebadi oder Chen Guangcheng solidarisieren.

Da ich mich aber ausserstande sehe, Widerstandskämpfer und Oppositionelle in Diktaturen selbst ausfindig zu machen, muss ich mich auf Plattformen meines Vertrauens verlassen. Daher unterstütze ich auch Amnesty International, weil ich weiss, dass diese Organisation fabelhafte Arbeit im Sinne der Menschenrechte leistet. Am wichtigsten scheint mir dabei, der Opposition eine Öffentlichkeit zu verschaffen. Sobald Licht auf dunkle Ereignisse fällt, bessern sie sich zwangsläufig.

Und so hoffe ich, dass viele Menschen die Vorschläge von Amnesty International im Umgang mit Menschenrechten beherzigen. In China und auch bei uns…

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2 Antworten to “China und Olympia”

  1. Rieger Says:

    Deine moralische Unterstützung für Menschenrechtsaktivisten in allen Ehren, aber die Vergleiche zu den Berliner Spielen, die nun schon seit Wochen in allen möglichen pseudo-kritischen westlichen Medien gezogen werden, die halte ich für eine absurde, masslos arrogante und respektlose Spitze der populärsten Sportart der Sommerspiele 2008: China-Bashing.

    Mir geht dieses angstbesetzte Gesudere schon ordentlich auf die Eier. Gerne also würde ich mich mit Altkanzler Schmidt zu „appeasement“ bekennen, aber da fängt mein Problem schon an: was hat dieser Begriff überhaupt in dieser Diskussion verloren? Eine Frechheit ist dieser Begriff! Setzt sich etwa der Chinesische Präsident, dessen Namen 99% der China-Basher nicht einmal kennen, mit Putin und Bush an einen Tisch und sagt „Die Monolei gehört mir. Keine Widerrede.“ Und dann sagt einer der beiden (wer eigentlich?) „Na gut – eines kriegst noch … aber nachher bist wieder lieb mit uns, gel?“

    Nein. Während über dem Pekinger Vogelnest das grösste Feuerwerk aller Zeiten gezündet wird, geht der Putin (vermutlich mit einem illegalen iPhone) mal kurz aufs Klo und gibt zeitgleich den Einmarsch seiner Truppen in Georgien/Südossetien frei. Und über Bush will ich sowieso nicht reden.

    Das scheinbar zeitgemässe China-Bashing ist eine perfide Sportart, die auf dem Boden der Heuchlerei wächst und von irrealem ökonomischen Futterneid genährt wird. Menschenrechte spielen da nur eine rhetorische Rolle.

    China entwickelt sich ohnehin tiefgreifend und rasant genug. Und Gott behüte die einskommadreimilliarden Chinesen und deren Nachbarn vor einer radikaleren Systemwende à la Putin. Oder die 400 Millionen chinesischen Bauern, die in den nächsten 2 Jahrzehnten „in die Stadt“ ziehen werden, sogar vor einer Ballhausplatz-genug-gestritten-style-Demokratie.

    Given the context, finde ich es doch tausendmal beruhigender wenn sich die Chinesen mit der Feuerwerkskunst beschäftigen und schöne Stadien bauen 😉

    Und wenn ich eines in weltpolitischer Hinsicht von Dir gelernt hab, dann ist es folgendes: jedesmal wenn ich „Amerika“ sage, fällt mir sofort der Wurm ein, der immer sagte „die USA sind nicht Amerika“.

    In diesem Sinne: ich sprach von der Volksrepublik China. Oder noch genauer: von deren sogenannter Kommunistischen Partei. Aber das hat man in Europa schon lange vergessen. Nur die Pfaffen haben ein auf lange Zeiträume trainiertes Gedächtnis: Seit Anfang der 70er Jahre die Volksrepublik China den WWII-Gewinnersitz im Weltsicherheitsrat von der „Republic of China“ übernommen hat, ist der einzige europäische Staat, der noch diplomatische Beziehungen zum demokratischen Inselchina unterhält – der Vatikan-Staat. Wahrscheinlich in Opposition zum Konfuzianismus. Oder warum auch immer.

    So viel zur Unterstützung der „demokratischen Opposition“. So viel zur Politik. Mehr zu China im bobotalk.

    And now let’s turn to sports 😉


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