Rembrandt und ich – Teil 2

28/Mär/2012

So, jetzt hab’ ich mir meine Wut von der Seele gemalt. Doch alles der Reihe nach:

Heute in der Früh war ich denkbar unglücklich mit meinem gestrigen Bild. Ich wusste, dass ich an Rembrandt gescheitert war. Rembrandt war zu groß, und ich zu klein, um überhaupt in eine Auseinandersetzung zu gehen. Und so dachte ich den ganzen Vormittag daran, meinen gestrigen Artikel mitsamt Bild wieder zu löschen. Ich würde den Artikel löschen, das Bildfoto ebenso und danach das Bild übermalen. Ein paar Menschen würden in der Nacht das Bild bereits gesehen haben, doch insgesamt wäre es besser, das Bild zu vernichten.

Ich war so unglücklich darüber, weil das Bild einfach nicht schön war. Rembrandt konnte großartig malen und ich nur stümperhaft. Das Ergebnis der gestrigen Nacht würde einfach nicht genügen. Als ich mich zu Mittag an den Computer setzte und den Artikel löschen wollte, bemerkte ich die ersten Kommentare dazu. Und völlig ungläubig nahm ich zur Kenntnis, dass von den circa zehn Kommentaren vier fast begeistert waren. “Bloß nicht weitermalen, it’s great!” schrieb Harald beispielsweise.

Ich gebe zu, dass es genau dieser eine Kommentar war, der mich umstimmte. Da gab es draußen in der Welt irgendwo einen Menschen, der eine positive Meinung über mein Bild hatte – ganz im Gegensatz zu mir selbst. Wenn dieses Bild “Rembrandt und ich” irgendwann einmal in die Kunstgeschichte eingehen sollte, dann sollte sie wissen, dass sie das nur diesem einen Kommentar von Harald verdankt. Auf Facebook gab es inzwischen auch zwei wohlwollende Kommentare und so drehte ich den Computer wieder ab.

Als ich am späten Nachmittag wieder nach Hause kam, da hatte ich vor, endlich wieder einmal ein wirklich “schönes” Bild zu malen, ähnlich wie der “Mittag im Hansen” vom letzten Monat. Vorige Woche war ich einmal am sonnendurchfluteten Naschmarkt gewesen und hatte mir vorgenommen, diese wunderschöne Stimmung demnächst zu verarbeiten. Und so begann ich die Arbeit an meinem nächsten Bild mit dem Arbeitstitel “Sonne am Naschmarkt”.

Nach zwei Stunden musste ich meine Arbeit beenden, weil ich ins Kafka zu einer Lesung gehen wollte. Roger hatte seinen ehemaligen Lehrer, den Leiter der “Freien Kunstakademie Basel” eingeladen und so verbrachte ich den ganzen Abend dort. Als ich danach gemeinsam mit Gerhard gehen wollte, da traf ich vor der Tür auf Hamid, der auch gerade nach Hause ging. Hamid hatte mich im Jänner eingeladen, für zwei Wände im Kafka ein Bild herzustellen. Eine Woche später hatte ich ihm ein vierteiliges Bild mit dem Titel “Café Franz Kafka” gebracht, worauf seine erste ungläubige Reaktion war: “Willst Du mich verarschen?”

Hamid hat das Bild bis heute nicht aufgehängt und so sprach ich ihn vor der Türe darauf an. Er wurde sehr ernst und sagte: “Das hänge ich nicht auf. Ich hänge es nicht auf, weil du ein Dilettant bist. Ich hänge es nicht auf, weil du nicht malen kannst.”

Es entspann sich ein Dialog, in dem Hamid meinte, die Leute würden zu ihm meinen, dass ich überhaupt nicht malen könne. Er pflichtete dem bei und empfahl mir, in der Volkshochschule Josefstadt einen Malkurs zu besuchen. “Du musst das lernen, weil du kannst die Grundlagen nicht.” Inzwischen war Gerhard ebenfalls heraus gekommen und lauschte unserem Disput. Hamid meinte weiter: “Ich sage Dir, die Menschen, die es ehrlich mit dir meinen, sagen, dass du das nicht kannst. Wenn du weiterkommen willst, dann solltest du das akzeptieren und daraus lernen.” Ich antwortete ihm, dass ich ihn verstehen würde, dass ich seine Meinung auch akzeptieren würde, dass es mir leid täte und dass ich seine Ansicht nicht teilen würde. Ich erinnerte mich daran, dass das teuerste Bild der Welt ein Werk von Jackson Pollock war und der erfolgreichste österreichische Künstler Franz West. Ich dachte auch daran, dass die Kritiken auf die ersten Ausstellungen der Impressionisten in Paris davon schrieben, dass “diese Maler die Bilder nicht einmal fertig malen”, dass klarerweise van Gogh nicht einmal zehn Bilder in seinem Leben verkauft hatte und einige sogar vernichtet wurden. Und natürlich begann das allgemeine Unverständnis bereits spätestens bei Rembrandt, dem seine Auftragswerke nicht abgenommen wurden. Und selbst Sokrates, der Begründer der abendländischen Philosophie, endete durch den Schierlingsbecher und Schopenhauer musste die erste Auflage seiner “Welt als Wille und Vorstellung” als Altpapier einstampfen lassen.

Jetzt ist es selbstverständlich so, dass Unverständnis gegenüber einem Künstler oder Philosophen alleine noch keine Garantie für Qualität ist. Aber Qualität ist eben auch nicht vom Verständnis der Masse abhängig, dazu eher sogar indirekt proportional. Die Geschichte urteilt, und so ist eben Wolfgang Amadeus Mozart vielleicht doch der größere Künstler als der zu beider Lebzeiten erfolgreichere Antonio Salieri.

Aber das ist völlig wurscht. Darum geht es überhaupt nicht. “Kunst kommt von Können, sagt Goebbels. Kunst kommt nicht von Können, meint Zadek. Kunst kommt von Müssen, denke ich” schrieb ich in einem Begleittext zu meiner Installation “ein jahr scheisse” im Wiener Schauspielhaus vor mehr als zehn Jahren. Und so denke ich selbstverständlich auch heute. Wir müssen das tun, was wir tun, whatever the cost may be. Hamids Kunstverständnis geht vom Bekannten aus. Mein Verständnis geht vom Unbekannten aus. “Making visible the unvisible” ist ein brauchbarer Ansatz dazu. Und Schopenhauers Begriff von Kunst ist ohnehin die für mich gültige Basis, einschließlich des § 36 der “Welt als Wille und Vorstellung” über Kunst, Genie und Wahnsinn.

Und so beschloss ich voller Wut, meine Arbeit am sonnigen Naschmarkt zu unterbrechen und das nächste Bild vorzuziehen, das ich bereits im Kopf hatte. Ich war so unglücklich über “Rembrandt und ich” gewesen, weil es allen gängigen Normen widersprach. Es war einfach nicht schön. Es war echt und wahr und voll neuer Erkenntnis für mich, zum Preis, Hamid im Grunde recht zu geben, dass ich “eigentlich nicht malen konnte”. Und so hatte ich seit heute Früh im Kopf, “Rembrandt und ich” nochmals zu malen, diesmal jedoch nach den gängigen Regeln der Kunst. Ich wollte, dass der zweite Versuch einem ästhetischen Mindestmaß entsprach. Ich wollte zeigen, dass ich an Rembrandt vielleicht doch nicht gescheitert wäre. Ich wollte beweisen, dass meine Auseinandersetzung mit diesem Weltgenie nicht im ästhetischen Fiasko enden müsste.

Und so kniete ich mich hin und malte in einem Zug dasselbe Bild nochmal. Während der erste Versuch unbewusst wollend war, war dieser zweite Versuch nun bewusst gewollt. Ganz im Gegensatz zum ersten Teil wusste ich nun genau, wie das Ergebnis aussehen würde. Und es würde darüber hinaus der Beweis sein, dass ich vielleicht doch “malen konnte”. So. Jetzt ist es da. Es ist völlig undenkbar ohne das erste. Und wenn ich es verkaufe, dann selbstverständlich nur gemeinsam mit ihm. “Rembrandt und ich – Teil 2.”

Rembrandt und ich – Teil 2
(Acryl auf Leinwand, 60x80cm, 28.03.2012)

Rembrandt und ich - Teil 2

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9 Antworten to “Rembrandt und ich – Teil 2”


  1. das ist die symbolebene nicht die ebene die van gogh gemalt hat, ich frage mich, ist ein vergleich sinnvoll in der einmaligkeit des seins? mir sagt der buddhist, WENN DU BUDDHA TRIFFST DANN TÖTE IHN hat sich van gogh nicht getötet, als er das bild was er immer schon malen wollte gmalt hat? ist dieses aufwärtsschwimmen, die verzweiflung nicht die begleitung eines guten künstlers?
    ist die vollkommenheit nicht das tote? oder zeigt uns die heiterkeit der betrachtung etwas Neues?
    welcher maler könnte mir sagen ich bin gut oder nicht gut?
    wer will ein fremder gott sein um mir zu zeigen, er weiß was gut und schlecht ist? auf welchen Gott höre ich, sind es fremde Götter? ist das was dieser Maler malt gut? er gilt als realisiert: http://karlrenz.de/BIO/new_paintings/new_paintings.html ich kann als betrachter beobachten was hat das mit mir zu tun, lehne ich etwas ab, so werde ich es bei mir finden, damit ist jeder beurteiler auf sich selbst zurückgeworfen….
    was sagte Beethoven: “Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie … Wem meine Musik sich verständlich macht, der muss frei werden von all dem Elend, womit sich die andern schleppen.” und van gogh: „Was bin ich in den Augen der meisten? Eine Null oder ein exzentrischer und unangenehmer Mensch – jemand der keine Stellung in der Gesellschaft hat und nie haben
    wird, kurz, der Niedrigste von den Niedrigen.   Nun gut, selbst wenn es so wäre, dann würde ich gern durch meine Arbeit zeigen, was im Herzen so eines Außenseiters, so eines Niemands ist“
    Ich habe mal Herbert Falken erlebt er saß drei Tage vor einer Leinwand und hat mal gerade ein Strich gemacht,
    http://www.museum-am-dom.de/katalog/fotos/NSLG_2-7-Ank.jpg http://www.museum-am-dom.de/katalog/details.php?museum=&sort=time&time=1980&id=680
    und Picasso in 10 Sekunden die Friedenstaube, also alles gilt nur der Vergleich nicht, wenn ich vergleiche schöpfe ich dann? will ich mir auf den Grund kommen oder bin da oder will ich besser werden? es wird weil es wirkt und daher lebt…


  2. ich frage nach dem WIR was machen WIR mit Rem Brandt?

  3. Judith-Elis Says:

    ….!!!…..!

    • Judith-Elis Says:

      …als Techn Zeichnerin habe ich auch in Kombination mit den herrlichen Farben, meine Freude!


  4. mich interessiert warum beschäftige ich mich mit rem brandt
    http://www.google.at/ig?brand=MDNC&bmod=MDNC#m_9
    was hat sich in meiner wahrnehmung in der zeit verändert?
    in welchen erkenntnismöglichkeiten lebe ich heute? gibt es größe oder kleinheit? in welchen beziehungsfeldern lebte er? was ist heute sichtbar?

    • Judith-Elis Says:

      …vielleicht, weil Du ihn noch nicht im Wasserschloss hierbesucht hast!?!

      ja, und weil das Leben heute fuer dich auch manchmal so truebe erscheint wie zu seinen Zeiten,?


  5. für mich passiert ständig, dass das wahrscheinliche wahrscheinlicher wird, trübe ist da nicht der richtige ausdruck eher diese kleinen fussel die diese welt zusammenhalten http://www.youtube.com/watch?v=M9TllJJVtD4
    http://antjeschrupp.com/2012/04/01/positiv-uberrascht-uberlegungen-zur-reprasentativen-demokratie/#comment-17971


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