Heute früh wurde ich durch das Läuten meines Handys geweckt. Am Apparat war Thomas Amaran, der mich gleich fragte: “Hast Du schon den Artikel im Profil gelesen?” Das hatte ich nicht, denn ich hatte bis dahin geschlafen und den gestrigen Sonntag meinen privaten Interessen jenseits der Politik gewidmet. Am Vortag war ich noch in Linz gewesen, um wie Thomas am ersten österreichweiten Treffen der Occupy-Bewegung teilzunehmen.
Jetzt stand ich also auf, um mir die neuesten Berichterstattungen über die Occupy-Bewegung zu Gemüte zu führen. “Unfreundliche Übernahme” stand da im “profil” zu lesen und darunter die Einleitung: “Die Occupy-Bewegung gilt international als Plattform für eine offene, gerechtere Gesellschaft. In Österreich ist sie in der Hand von Rechten, Obskuranten und Verschwörungstheoretikern.”
Schon vor dem Wochenende hatte “Die Presse” einen Artikel über das bevorstehende Zusammentreffen von Occupy in Linz gebracht: “Die Empörten von Occupy Austria und ihr später Selbstfindungstrip” - “Warum Mitläufer am rechten Rand die Glaubwürdigkeit von Occupy Austria gefährden – und die Bewegung sich deshalb am Wochenende in Linz neu erfinden will.”
Die Bewegung hat sich in Linz “neu erfunden”. Wir sind aus ganz Österreich zusammengekommen, um darzulegen, wofür wir stehen und was wir wollen. Und wir haben die ersten Inhalte in unglaublich mühsamer Arbeit mit Zustimmung jedes einzelnen Teilnehmers formuliert. Die ersten im Konsens getroffenen Ziele und Überzeugungen sind auf http://pad.ethify.org/p/occupy nachzulesen. Aus ihnen ist ersichtlich, dass es sich dabei nicht um endgültige Dogmen handelt, sondern um das erste gemeinsame Ergebnis eines lang anhaltenden Prozesses.
Der allerschwierigste Konsens aus Linz ist für mich der wichtigste. Es ist der Text über unser Geldsystem. Die Basis der Occupy-Bewegung in Bezug auf das Geldsystem besteht nun aus folgenden vier Sätzen:
Neue Geldsysteme umsetzen:
-
Aufklären und hinterfragen des Finanz- und Geldsystems.
- Überwindung des zinsbasierten Schuldgeldsystems.
- Gemeinschaftliche Geldschöpfung mit Transparenz und gemeinsames Gestalten von Alternativen.
Ich halte diesen kurzen Text für epochal. Er stellt in aller Kürze gleichzeitig den Inhalt als auch den Prozess dar, zu dem wir stehen und den wir gehen wollen. Er ist gleichzeitig völlig klar und konkret, jedoch für den weiteren Prozess gänzlich offen. Diese erste Basis kann als Vorlage für den Umgang mit dem bestehenden System dienen, und dies auf der ganzen Welt.
Dies ist die erste gemeinsame Basis der Occupy-Bewegung. Darüberhinaus gibt es noch einen vorläufigen Text zu den Grundlagen, zu dessen Feinschliff jeder beitragen kann:



23. Januar 2012 um 15:02
Als Teilnehmer von Linz stehe ich voll und ganz hinter den Aussagen von Peter Wurm…
Der gestartete Prozess wurde nicht in Stein gemeiselt sondern bildet die Basis für weitere Entwicklungen!
23. Januar 2012 um 15:36
Als Teilnehmer von unserem Treffen in Linz, stehe ich voll und ganz zu dieser o.a. Aussage. Jeder, der sich angesprochen fühlt ist occupy. Es gibt keine Oberhäupter, Führer oder was auch immer. Nur gleichberechtigte Menschen. Wir sind 100% !!
23. Januar 2012 um 16:09
“Nur gleichberechtigte Menschen. Wir sind 100% !!” Das ist ja auch die Kritik im Profil. Alle dürfen mitmachen, alle sind gleich. Egal ob sie rechte Positionen vertreten oder esoterische Meinungen verbreiten…
23. Januar 2012 um 21:46
Mein lieber Stefon!
Wie Du meinem Artikel entnehmen kannst, stehen wir für Ganzheitlichkeit, nicht jedoch für Beliebigkeit. Die Instrumentalisierung von Feindbildern steht unserem Anliegen entgegen und hat daher bei uns keinen Platz.
Liebe Grüße
Peter
24. Januar 2012 um 14:19
Wer ganz ohne Feindbilder und gegen niemanden ist, der unternimmt dann auch nichts gegen Antisemiten, oder?
24. Januar 2012 um 15:59
Lieber Andreas!
das ist die entscheidende Frage für das menschliche Handeln: Wie kann ich Intoleranz tolerieren, wie kann ich Unrecht mit Recht bekämpfen und wie kann ich Feindbilder überwinden, ohne selbst Feindbilder zu produzieren? Das ist die Gradwanderung des menschlichen Handelns. Die Instrumentalisierung von Feindbildern in rassistischer, sexistischer, völkischer, sozialer oder religiöser Form hat in dieser Überzeugung keinen Platz. Das muss draußen bleiben – ab in den Abort der Geschichte damit.
Liebe Grüße
Peter
24. Januar 2012 um 21:24
[...] Occupy Austria und der Antisemitismus [...]
26. Januar 2012 um 00:51
als teilnehmer der runde in linz bin ich mit dem konsensierten ergebnis und der damit verbundenen
weiteren positionierung sehr einverstanden
es war ein aufwühlender spannender und am ende doch sehr erfüllender prozess der vieles abverlangt hat
insgesamt empfehle den occupisten oder wie immer sich die in zukunft nennen mögen in der auseinadersetzung das prinzip des gfk soll heissen gealtfreie kommunikation zu beherzigen sowie bei entscheidungen die methode des systemischen konsensieren zuverwenden
siehe dazu unbedingt die webseite sk-prinzip.net
im allgemeinen sprachgebrauch empfehle ich auf das wort scheiss insgesamt zu verzichten
als erstmals dabei gewesener nehme ich meine erfahrugen in linz gerne als anlass meine energien der
occupybewegung weiterhin zuzuwenden
zwar bedarf noch sehr vieles der klärung
aber eines interessiert mich zur zeit noch ganz besonders
wer ist autorisiert jemanden zu autorisieren öffentlich im namen occupys aussagen zu machen´
nikolaus von rhoenstedt