SATTAMUN
Brauchbares für ein erträgliches Überleben:
18.08.1969 PCN 17:45:00 UTC 16°22’ OST 48˚12’ NORD. Diese Zahlenkombination bestimmt mein Leben. Sie bedeutet, dass ich im Sommer 1969 nach Christus im mitteleuropäischen Wien auf die Welt kam. Diese Kombination ist wahrscheinlich ein Luxus. Das Klima ist gemäßigt, die Luft sauber und das Wasser aus den Leitungen trinkbar. Der letzte Krieg ist seit knapp einer Generation vorbei, der Wiederaufbau danach hat in der Zwischenzeit zu materiellem Wohlstand im Volk geführt.
Ich werde in eine katholisch-konservative Familie geboren, der Vater ist Techniker, die Mutter Ärztin. Ich erlebe eine Jugend im Bildungsbürgertum und besuche eine katholische Privatschule. Die familiären Verstrickungen führen dazu, dass mein bewusstes Leben erst danach beginnt, nach dem Schulabschluss mit knapp 20 Jahren. Wenn ich heute zurückblicke, dann sehe ich, dass ich mir bis dahin zwar sehr viel Wissen angeeignet, jedoch fast nichts verstanden habe.
Ich habe fast keine Erinnerung an meine Kindheit und völlig unbedeutende an meine Jugend. Ich lerne in dieser Zeit viel und schnell, nichts davon ist heute mehr von Relevanz. Die ersten 20 Jahre sind von reinem Überleben geprägt. Mein Leben beginnt im Frühling 1991, als meine erste Liebesbeziehung nach einem Jahr zu Ende geht und ich für ein halbes Jahr als Entwicklungshelfer nach Südamerika aufbreche.
Ich sehe noch genau mein Zimmer vor mir, ein Zimmer in der katholischen Missionsstation San Francisco in Daule in der tropischen Küstenlandschaft Ecuadors. Es ist ein mittelgroßer Raum mit gemauerten Wänden und einem kleinen Badezimmer. Die zwei großen vergitterten Fenster gehen nach Osten und Norden. Ich hatte mir gleich zu Beginn eine kleine Tischlampe gekauft, um auch in der Nacht lesen und schreiben zu können.
Auch hatte ich mir Bücher von zuhause mitgenommen, insbesondere zur Geschichte der Philosophie. Und so saß ich da und las an meinem Schreibtisch die Zusammenfassungen der Gedanken des Abendlandes. Irgendwann stieß ich auf den einen Satz, der mein Leben von Grund auf verändern sollte: „Bei jenen will er, was er erkennt, bei mir erkennt er, was er will.“
Ich hatte von Schopenhauer schon gehört gehabt, wahrscheinlich hatten wir ihn im Philosophieunterricht des Gymnasiums auch erwähnt. Kurz zuvor hatte ich ihn zitiert gelesen, in Albert Einsteins „Mein Weltbild“, das ich bei einem Ausflug zu einer anderen Missionsstation an der ecuadorianischen Pazifikküste in die Hände bekommen hatte. Dort schreibt Einstein, dass ihn ein Satz Schopenhauers seit seiner Jugend geprägt hätte, nämlich: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“
Da saß ich nun in meinem Zimmer und spürte instinktiv, dass in mir ein Damm gebrochen war. Dieser Satz sollte mein Leben völlig verändern und mich selbst, wie Marx einmal gesagt hatte, „vom Kopf auf die Füße stellen.“ Doch während Marx dies von seiner eigenen Philosophie behauptet hatte, indem er Hegels dialektischen Idealismus zum dialektischen Materialismus veränderte, sah ich nun, dass alle bisherigen philosophischen Kämpfe völlig an der Realität vorbeigingen.
„Bestimmt das Bewusstsein das Sein oder das Sein das Bewusstsein?“ Wen interessierte das? Ich hatte in den 20 Jahren davor viel gelernt und mir eine klassisch-humanistisch-realistische abendländische Bildung angeeignet. Ich wusste unglaublich viel, doch nichts davon berührte mich auch nur irgendwie. Jetzt saß ich in Südamerika und bemerkte, dass nichts, aber auch gar nichts von dem, was ich im mitteleuropäischen Bürgertum gelernt hatte, hier stimmte. Nichts, aber auch gar nichts funktionierte hier nach den Maßstäben, wie ich sie mir angeeignet hatte.
Ich kann jedem jungen Menschen nur empfehlen, irgendwann einmal die scheinbar vorgegebenen Bahnen möglichst radikal zu verlassen. Viele brechen bereits in der so genannten Pubertät aus, ich selbst schaffte es erst mit einundzwanzig. Ich habe niemals sonst in meinem Leben so viel Neues gelernt wie in diesem halben Jahr in Südamerika. Ich habe versucht, die Lebensweise, die mir dort begegnete, mit nach Europa heim zu nehmen. Daran bin ich wahrscheinlich gescheitert. Die Unterschiede sind zu groß, als dass sich eine Lebensweise einer anderen Kultur kopieren ließe. Das, was ich mit nach Hause genommen habe und was mir auf der ganzen Welt seither weiterhilft, das ist Arthur Schopenhauers Philosophie.
„Bei jenen will er, was er erkennt, bei mir erkennt er, was er will.“ In diesem Satz ist grundlegend alles zusammengefasst, worum es geht. Was heißt dieser Satz? Es geht um den Menschen. „“Er“ ist der Mensch. „Jene“ sind alle anderen Philosophen bisher. „Jene“ sagen und schreiben, dass „er“, der Mensch, eben „will, was er erkennt.“ So ist die abendländische Tradition. Der Mensch erkennt etwas, das Gute, das Wahre, das Schöne. Und das will er dann auch. Der Mensch will gut sein, er will die Wahrheit anstreben und er will das Schöne. „Jene“ anderen Philosophen – und Religionen – bisher meinen, dass wir Gut und Böse erkennen können, richtig und falsch, schön und hässlich. Und selbstverständlich wollen wir das dann auch. Wir wollen eben das Gute und das Richtige, das wir vorher erkannt haben.
Fast alle Philosophien und Religionen bisher denken so. Sie postulieren etwas, das nicht hinterfragt wird, einen Gott oder auch die Vernunft. Und aufgrund dieses Gottes oder der Vernunft sind wir in der Lage, das Gute und das Richtige zu erkennen. Gott oder die Vernunft sagen uns, was wir tun „sollen“. Sie sagen uns, was wir anzustreben haben. Und das „wollen“ wir dann auch. Selbstverständlich wollen wir das Gute, wir wollen immer nur das Beste. Und wenn das funktioniert und es endlich alle verstanden haben, dann sind alle glücklich.
Bullshit.
Diese Weltanschauung führt immer nur zu Krieg und Vernichtung. Alle monotheistischen Religionen und die meisten Philosophien haben immer nur zu Krieg und Vernichtung geführt, indem sie die Erkenntnis des Guten und Richtigen zu ihrem Gott gemacht haben. Im besten Falle sitzen sie zusammen und beraten, wie sie ihre Lehren verbinden können, im schlechtesten Falle stehen sie auf und hauen sich die Schädel ein. Und jeder einzelne fühlt sich dazu berechtigt, weil er eben seiner Erkenntnis folgt, die ihm sagt, was Gut und Richtig ist. Wenn der Andere das nicht so sieht, dann ist er eben nicht gottesfürchtig oder vernünftig genug.
Ich merke, wie ich wütend werde. Ich bin, wie fast alle Menschen, die ich kenne, in dieser Weltanschauung aufgewachsen. Das Ersetzen des in heiligen Schriften offenbarten Gottes durch die Vernunft im Zuge der abendländischen Aufklärung war nur ein scheinbarer Fortschritt. Im Grunde ist es „more of the same“, genau so, wie der Materialismus von Karl Marx genau der gleiche Irrtum wie Hegels Idealismus ist. Nachdem wir seit zwei Jahrhunderten die Vernunft zu unserem Gott gemacht haben, sind mit der Hilfe Gottes die größten Katastrophen der Menschheit geschehen. All das beruht auf dem folgenschweren Irrtum von „Jenen“, die meinen, „er“ wolle, was er erkennt.
Arthur Schopenhauer ist immer ein Außenseiter gewesen und er ist ein Philosoph für Außenseiter geblieben. Er selbst hat sich in wunderbarer Weise mit dem mächtigen Hegel anzulegen versucht und ist gescheitert. Fast alle Menschen seiner Zeit folgten Hegel, fast niemand ihm selbst. Und es ist wunderschön zu lesen, wie boshaft er Hegel und dessen Gedanken in seinen Büchern beschreibt. Erst Friedrich Nietzsche und Richard Wagner haben Schopenhauer beherzigt, danach, wie gesagt, auch Albert Einstein, selbst ein lebenslanger Außenseiter. „Ich glaube, es gibt auf der ganzen Welt keine zwölf Menschen, die mich und meine Theorie verstehen.“ hat er einmal gemeint.
Wer einigermaßen glücklich leben will, dem lege ich Arthur Schopenhauer ans Herz. Was macht Schopenhauer so besonders? In allen Philosophiebüchern findet sich der Hinweis dass er ein theoretischer Pessimist und praktischer Einzelgänger war. Nichts davon ist für mich von Relevanz, beides sind nur Folgerungen aus seinen Grundlagen. Und diese Grundlagen sind es, die seine Gedanken so fantastisch machen: „… bei mir erkennt er, was er will.“
„Bei mir erkennt er, was er will.“ Während es in der herrschenden Weltanschauung darum geht, wie wir uns gemäß einer göttlichen oder vernünftigen Erkenntnis verhalten „sollen“, geht es Schopenhauer um ganz etwas Anderes: Um das „Wollen“. Nicht die Erkenntnis bestimmt und führt unser Leben, sondern der Wille. Und während es „jenen“ darauf ankommt, mit unserem Willen der Erkenntnis zu folgen, st es bei Schopenhauer genau umgekehrt: Die Erkenntnis folgt dem Willen. Die Frage ist nicht länger „Was soll ich wollen?“, sondern „Was will ich wirklich?“
Was will ich? Diese Frage zu beantworten, ist die vordringlichste Aufgabe unserer Erkenntnis. Was will ich? ist die einzige Frage, die relevant ist. Und je tiefer wir in die Antwort auf diese Frage vordringen, desto lebenswerter wird das Leben. Da geht es nicht mehr darum, ob ich etwas Wahres, Gutes oder Schönes will, das eine fremde Autorität von Außen zuvor definiert hat, sondern zu erkennen, was wir eigentlich im Innersten wollen, ohne es zu bewerten. Und hier folgt auf Arthur Schopenhauer ein Mann, mit dem ich mich erst knapp ein Jahrzehnt später auseinanderzusetzen begann: Sigmund Freud.
Nach meiner Begegnung mit Arthur Schopenhauer in Südamerika, versuchte ich nach meiner Rückkehr langsam, mein Leben vom Kopf auf die Füße zu stellen. Mir ging es nicht länger darum, was ich in dieser Welt sollte, sondern, was ich wirklich wollte. Zunächst wollte ich in Europa weiter so leben, wie ich es in Südamerika gelernt hatte. Ein Leben in der Gegenwart, jenseits des vernünftigen Zukunftsdenkens, ohne „Sorge um den morgigen Tag“, wie es in meinem Lieblingszitat des Jesus von Nazareth in der Bergpredigt heißt. Ich musste erkennen, dass ein südamerikanisches Leben in Europa nicht möglich ist, insbesondere aus klimatischen Gründen.
Während in den südamerikanischen Tropen die Natur kaum eine Flucht aus der Gegenwart zulässt, zwingt sie in den gemäßigten Breiten Mitteleuropas zur Zukunftsvorsorge. Und so ist die südamerikanische Lebenslust genau so eine Folge des herrschenden Klimas wie die mitteleuropäische Vernunft. Ohne vernünftige Vorsorge ließe sich der nächste Winter nicht überleben. Und so war ich in Europa wieder in meiner angelernten Vernunft angekommen.
Verstand – Vernunft – Erkenntnis.
10. November 2011 um 05:14
Für Christina. In unendlicher Dankbarkeit.
Peter
10. November 2011 um 08:08
“was wir im Innersten wollen!” – ja im Innersten, jenseits des Egos im Herzen in der Tiefe unseres Seins. Das zu erkennen ist mit Nachdenken nicht möglich sondern nur über Hinspüren und Loslassen in unsere Tiefe, über die Stille aus der sich zeigt was wirklich wirklich sein will, was die unendliche Liebe, die dieses Universum trägt WIRKLICH will von uns, von jedem Einzelnen.
10. November 2011 um 08:39
10. November 2011 um 09:46
Habe Deinen heutigen Eintrag mit wachem Interesse gelesen : mein Interesse war mit dem Lesen der schon ersten Zeilen aufmerksam geworden.
Sprache als die Essenz und gleichsam als das Kleid dessen, was sie vorträgt : Es ist Deine Sprache heute, die mir erzählt – mehr als das, was das Wort in seinem Wortsinn transportiert und ihre Aneinanderreihung zum SatzPlakat.
Deine Sprache hat mir heute Deinen Blick erzählt in das Bild, das Du heute mit der (Blog-) Welt teilst.
Habe einen guten Tag, Peter.
Karen.
:
10. November 2011 um 10:09
Danke vielmals, liebe Karen!
Peter
10. November 2011 um 11:02
This is love: to fly toward a secret sky,
to cause a hundred veils to fall each moment.
First, to let go of life.
In the end, to take a step without feet;
to regard this world as invisible,
and to disregard what appears to be the self.
Heart, I said, what a gift it has been
to enter this circle of lovers,
to see beyond seeing itself,
to reach and feel within the breast.
Rumi
10. November 2011 um 13:06
wunderschön.
10. November 2011 um 16:48
God grant me your serenity, grant me the peace found only in silence.
That your will be done, not mine.
To accept I cannot change but I can surrender.
For you are the do -er not I.
Allow me this wisdom.
I understand there are many things my mind believes to be wrong.
I will suffer for these discrepancies.
They are not who I am, though I will suffer my attachment.
For I believe in the idea of perfection, which you show me each and every day
through a flower and a stone a droplet of water and an insect.
Perfect can only emit perfect and from perfect there can only be perfect.
I and the father are one.
(Poem by justme)
10. November 2011 um 18:05
@Michaela: wunderschön
11. November 2011 um 21:20
Lieber Peter,
passt wohl ganz gut hierher:
http://bewusst.tv/2010/07/freier-wille/
Ich wünsche dir alles Gute!
Doris
12. November 2011 um 02:43
http://bewusst.tv/2010/07/kinderwelt/
Eine recht gute Ergänzung!
12. November 2011 um 15:25
Lieber Peter,
alles gut bei/mit Dir?
14. November 2011 um 14:12
Ein sehr authentischer Text, der deutlich macht, warum die Suche nach dem WARUM sinnlos ist, während die Wirklichkeit in der Suche nach dem WOFÜR liegt …
Gruß
14. Januar 2012 um 20:08
lieber peter!
du sprichst mir aus der seele! genau darum geht es in unserem leben-was wollen wir? und diesen weg dann gehen ohne wenn und aber.
17. Januar 2012 um 16:19
[...] Für die Weltanschauung Arthur Schopenhauers und Friedrich Nietzsches. Wie im Text zu „Sattamun“ beschrieben, geht es in einem zukünftigen Gesellschaftssystem um eine gänzlich andere [...]