„Österreich rückt nach Rechts“ ist der Grundtenor der nationalen und internationalen Pressestimmen. Das Ergebnis aus grüner Sicht ist katastrophal. Nach einem solchen eindeutigen Scheitern der Regierung diesmal als Oppositionspartei absolut und relativ zu verlieren und vom dritten auf den (vorläufig) fünften Platz abzustürzen ist eine Katastrophe ersten Ranges. Die Wählerstromanalyse des ORF zeigt uns, dass wir unfähig waren, relevante Stimmenanteile von SPÖ und ÖVP zu gewinnen. FPÖ und BZÖ haben das geschafft. Wir hingegen haben sogar an die Nichtwähler verloren.
„Es geht nicht darum, dass die freiheitlichen Wähler dumm sind. Es geht darum, dass wir zu dumm sind, sie für uns zu gewinnen.“ habe ich bei meiner Rede zur Kandidatur vor sechs Wochen gesagt. Diese Analyse wurde heute in schauderbarer Weise bestätigt. Es wird Zeit, dass wir lernen, die Menschen endlich so zu nehmen, wie sie sind und nicht, wie sie (unserer Meinung nach) sein sollen. Es wird Zeit, dass wir endlich Herz und Bauch ansprechen, anstatt permanent moralische Vorschriften zu erlassen. Es wird Zeit, dass wir endlich lernen, mit Angst und Wut umzugehen, anstatt immer nur mit der Vernunft. Es wird Zeit, dass wir uns endlich der Realität stellen und nicht unserem Wunschbild.
Wir haben nichts an unseren Inhalten zu ändern, aber fast alles an unserer Form.
Mein erster Vorschlag zur Regierungsbildung heute Nachmittag war Rot-Orange-Grün mit Jörg Haider als Kanzler und vdb als Vize – aber nur, wenn bei uns ein Plus davorsteht. Das ist leider nicht der Fall, auch nicht mit den zu erwartenden Wahlkarten. So haben wir keinen Anspruch auf die Regierungsbeteiligung. Daher bin ich heute Abend für die Unterstützung einer roten Minderheitsregierung durch Grün und Orange. Und für einen radikalen Wandel unserer Partei: Weg von der Selbstbefriedigung, hin zur Befriedigung des Wählers. Weg von der Onanie, hin zur Kopulation.
Strache und Haider ficken eindeutig besser als wir. Molterer noch schlechter. Ein schwacher Trost.
Da gibts ein paar Themen, die mich zur Zeit politisch bewegen. Ganz aktuell Alexander van der Bellens Seufzer in der gerade zu Ende gegangenen ORF-Konfrontation gegen Wilhelm Molterer: „Jetzt verstehe ich, warum es so schwer ist, mit Ihnen zu regieren.“ Ich halte diesen Ausspruch für den bisher witzigsten der Konfrontationen, möglicherweise auch für den wahrhaftigsten. Van der Bellen ist halt schon sehr alt geworden, ein bisschen müde und träge, bleibt aber dennoch ein Lichtblick unter allen Spitzenkandidaten – und schafft es nebenher, den Grünen ein sympathisches, authentisches und vertrauensvolles Gesicht zu geben.
Daneben interessiert mich die Einschätzung mancher Menschen meiner Umgebung, aus Protest gegen die Grünen diesmal das Liberale Forum wählen zu wollen. Auch ich habe ja, wie gesagt, viel Sympathie für die Liberalen, bin aber dennoch vergleichsweise ziemlich glücklich über die Grünen. Erstens sind wir eine Partei mit substanzieller Basis, zweitens sind wir unabhängig finanziert, drittens haben wir einen bewährten Spitzenkandidaten und viertens haben wir in den letzten zehn Jahren auch Politik gemacht. Wer ist Alexander Zach, die Nummer 2 auf der liberalen Liste und Parteichef? Was hat er in den letzten Jahren im Parlament gemacht, außer von Hans Peter Haselsteiner 15,000.000,00 Euro (in Worten: fünfzehn Millionen Euro) für Lobbying in Ungarn im Auftrag der STRABAG zu kassieren? Und das IOGE (das Institut für eine offene Gesellschaft), das von Haselsteiner am Leben erhalten wird? Was hat Heide Schmidt mit diesem aufgelegten Elfmeter erreicht? Alle paar Monate eine Diskussion mit immer wieder denselben Leuten und paar dutzend (immer wieder denselben) Zuhörern. Und sonst? Sagenhaft, was hier alles nicht hinterfragt wird.
And now to something completely different. Die Finanzkrise. Ist es eine Kapitalmarktkrise? Ich habe keine Ahnung, ich müsste meinen Freund Stefan fragen, der in der OeNB arbeitet. Auf jeden Fall ist beispielsweise der ATX in den letzten beiden Tagen anscheinend um jeweils mehr als 4 Prozent gesunken. Die Details sind auch wurscht, auf jeden Fall wurde in den letzten Tagen – von den USA ausgehend – weltweit unglaublich viel Geld vernichtet. Man müsste sich das mal ausrechnen, wenn man alle börsennotierten Aktienwerte auf der ganzen Welt zusammenrechnet und den Verlust dieser Woche bestimmt. Wie viel ist das? Milliarden? Billiarden? Phantastilliarden?
Eines ist mir in diesem Zusammenhang wichtig. Der von mir hoch geschätzte Christoph Chorherr hat damals in einem seiner Umweltökonomieseminare an der WU einen Satz gesagt, der mir immer noch im Gedächtnis haftet: „Der Kapitalismus muss wachsen. Das liegt in seiner Natur.“ Sehr, sehr schön. Wie die Natur an sich: Pflanzen und Tiere, alles wächst. Und dann kommt ein noch schönerer Zusatz hinzu: „Es kommt nur darauf an, was man misst.“ Sind die Kosten eines Autounfalls wirklich Teil des wachsenden Bruttosozialprodukts?
Wir haben uns so sehr an den scheinbar objektiven Wert des Geldes gewöhnt, dass wir gar nicht mehr hinterfragen, wie er zustandekommt. Wir wollen nur – ganz im Sinne der Natur des Kapitalismus – immer mehr haben. Immer mehr. Immer immer mehr.
Es gibt meiner Ansicht nach genau ein Krebsgeschwür des Kapitalismus: die Gier. Immer immer mehr. Und ich danke dem Universum, dass es uns immer wieder zeigt, dass das nicht geht. Die Buddhisten wissen es – im Unterschied zu den Christen – schon seit fast dreitausend Jahren. Es gibt Werden und Vergehen. Alles wird und vergeht. Und ich danke dem Christengott, dass er es auch den Seinen immer wieder zeigt. Er hat es ja vor zweitausend Jahren bereits aufschreiben lassen, als Teil der Bergpredigt des Jesus: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“
Und danach folgt die für mich schönste Stelle der gesamten Bibel:
„Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“
Soeben habe ich etwas mir ziemlich Wichtiges entdeckt: Der Grüne Gemeinderat Christoph Chorherr stellt seinen ersten Videoblog online. Weil mir das Thema sehr am Herzen liegt (wir haben es in Christophs Umweltökonomieseminar an der WU-Wien bereits vor mehr als 15 (!) Jahren behandelt), verlinke ich es hier:
Was für ein erfreulicher Samstagabend! Frank-Walter Steinmeier wird statt des überforderten Provinzlers Kurt Beck SPD-Kanzlerkandidat und Österreich besiegt Frankreich in der WM-Qualifikation mit 3:1. Auch dieses Ergebnis ist die längst überfällige Überwindung des überforderten Provinzialismus. Ich war ja schon ziemlich beeindruckt, als der ÖFB Karel Brückner als neuen Teamchef präsentierte, inzwischen bin ich begeistert. Dieser Mann transportiert in zwei Sätzen in gebrochenem Deutsch mehr Substanz als alle Beteiligte im gesamten vergangenen Jahr. Was für ein Glück, dass Josef Hickersberger nach der EM genug hatte. Und was für ein Glück, dass sich Karel Brückner als alter Ausländer gar nicht in die Niederungen des heimischen Provinzialismus begeben kann. Endlich brauche ich mich nicht mehr in Grund und Boden zu schämen, wenn meine Heimat einmal in der internationalen Berichterstattung vorkommt. Ich hoffe, dass dieses Beispiel Schule macht. Vielleicht importiert ja jemand Vaclav Havel als Kanzlerkandidaten…
Ein bisschen Schadenfreude regt sich in mir. Hurrican Gustav verwüstet zwar nicht New Orleans, sorgt aber für Chaos am Parteitag der Republikaner. Der Auftritt des Oberdolms am gestrigen Montag wurde abgesagt, die katastrophale Politik seiner Neocons nach Kathrina jedoch wieder schmerzlich in Erinnerung gerufen. Die von John McCain kurzfristig aus dem Hut gezauberte schießwütige Kandidatin zur Vizepräsidentin predigt sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe statt Aufklärung an den Schulen und wird nun ungewollt Großmutter eines ledigen Kindes ihrer minderjährigen Tochter. Ihr möglicher zukünftiger Vorgesetzter dagegen weiss auf Anfrage eines Journalisten nicht, wieviele Häuser er besitzt.